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Die Nagelfeile

Die Nagelfeile

Nahezu 35 Jahre nach seiner Superfahrt im Juni 1972 kehrt der Opel GT Diesel-Weltrekordwagen genannt Nagelfeile zurück auf die Kreisbahn im Opel-Testzentrum Dudenhofen

Eckdaten
PS-kW95 PS (70 kW)
AntriebHeckantrieb, 4 Gang manuell
0-100 km/hk.A.
Höchstgeschwindigkeit200 km/h
Preisk.A.

Das Startritual erinnert nicht von ungefähr an ein altes Mercedes-Taxi: Erst wenn die von Insidern "Salzstreuer" genannte Vorglühkontrolle hellorange aufleuchtet, darf der Diesel gestartet werden. Das Vorglühen ist notwendig, weil im Weltrekord-GT natürlich kein moderner Direkteinspritzer sitzt, sondern ein vorsintflutliches Wirbelkammer-Triebwerk – fast wie in einem alten Mercedes-Taxi eben. Für Opel war es dennoch ein mutiger Schritt. 1972 gab es nur zwei große Hersteller, die Sparfüchse und Taxifahrer mit Diesel- limousinen versorgten: Mercedes und Peugeot. In jenem Jahr präsentierte Opel die vierte Generation des Millionensellers Rekord. Neben den üblichen Reihenvier- zylindern mit 1700 und 1900 Kubikzentimeter Hubraum gab es erstmals bei Opel auch einen Diesel – den 2,1-Liter-Wirbelkammer-Motor mit 60 PS. Basis des neuen Triebwerks war der so genannte c.i.h.-(Camshaft in Head)-Motor mit hochliegender Nockenwelle, der als Benziner in diversen Hubraum- und Leistungsstufen Millionen von Opel-Fahrzeugen der 60er- und 70er-Jahre antrieb. Mit den Weltrekord-Fahrten auf der Kreisbahn in Dudenhofen sollte die neue Diesel-Kompetenz publikumswirksam unter Beweis gestellt werden. Als Basis für das Rekordfahrzeug wurde eine Opel GT-Rohkarosse des Dachs samt Säulen beraubt. Ein Rohrrahmen sorgt für die nötige Stabilität. Die charakteristischen Klappscheinwerfer wichen – weil bei Nacht aerodynamisch ungünstig – einfachen Rechteckscheinwerfern aus dem Ascona A. Die Innenausstattung stammt ebenfalls aus dem Opel-Regal. Das Lenkrad könnte aus einem Manta A GT/E kommen, es ist nur etwas kleiner. Schalt- und Handbremshebel sind vom Ascona. Natürlich ist der Motor nicht ganz serienmäßig. Ein riesiger Turbolader im Lkw-Format vom Zulieferer Eberspächer sorgt für ein bar Ladedruck und 95 PS bei 4400 Umdrehungen. Gestartet wird er dennoch mit einem Schlüssel, der nicht anders aussieht als der eines Kadett B. Aber natürlich erst, wenn der "Salzstreuer" glüht, ermahnt Heinz H. Zettl. Der oberste Hüter der Opel-Traditionsabteilung mit mehr als 300 historischen Automobilen gibt sich ansonsten erstaunlich gelassen. Schließlich wird gerade ein unbezahlbares Einzelstück von fremder Hand gestartet. "Der GT fährt ganz normal. Ich bin sogar schon mal bei einem historischen Bergrennen damit gestartet", erzählt er, während er hilft, die Hosenträgergurte festzuzurren. Allein wäre das auch kaum möglich. Der Gelegenheits- Weltrekordfahrer sitzt eingezwängt zwischen den Streben des Rohrrahmens und dem 85 Liter fassenden Dieseltank, der feinstes Lkw-Aroma im Cockpit verbreitet. Die originalen Piloten von 1972 müssen von zierlicher Gestalt gewesen sein. Die Plexihaube passt nur über den Fahrer, wenn er ganz tief in den Sitz rutscht und den Kopf dabei ein wenig schief hält. Zum Glück ist die Helmpflicht für Fotofahrten außer Kraft. Der betagte Wirbelkammer-Diesel startet erst auf den zweiten Dreh. Aus dem dicken, schwarzen Rohr auf der rechten Seite quillt eine Wolke, die dem Peterbilt-Tanklaster aus Steven Spielbergs "Duell" zur Ehre gereicht hätte. Und die heute vermutlich in einer deutschen Großstadt für einen sofortigen Feinstaubalarm ausreichen würde. Nach einer kurzen Warmlaufphase legt sich der Qualm, Dieseltreibstoff gluckert durch die daumendicken, transparenten Schläuche aus dem Tank in Richtung der beiden Bosch-Kraftstofffilter – es kann losgehen. Fast enttäuschend normal setzt sich der GT in Bewegung. Der Motor spart zwar nicht mit Vibrationen, und die dachlose GT-Karosserie schüttelt sich im Leerlauf wie ein nasser Hund. Gewöhnungsbedürftig ist auch der leicht verzerrte Blick durch die Plexihaube auf die Steilkurve der Opel-Kreisbahn. Unter großem Getöse beschleunigt der GT bis in den vierten Gang. Das Getriebe stammt aus dem Commodore, der vierte – und letzte – Gang ist extra lang übersetzt. Eine Anzeige für die Geschwindigkeit ist nicht zu entdecken. Der große Drehzahlmesser zeigt auf 3500; die Temperatur von Schmier- und Kühlmittel ist normal. Offensichtlich machten sich die Opel-Ingenieure Sorgen um die thermische Gesundheit des Motors. Zwei Zugknöpfe im Cockpit steuern Klappen, mit den sich zusätzliche Luft auf Öl- und Wasserkühler lenken lässt. An diesem kühlen Tag bleiben sie unbenutzt. Das war Anfang Juni 1972 vermutlich anders. Über 50 Stunden lang hetzte das Fahrerteam den GT um den Rundkurs. Mit dabei: die Rallye-Fahrerinnen Marie-Claude Beaumont aus Frankreich und Silvia Österberg aus Schweden, das französische Rallye-As Henri Greder, der italienische Rennfahrer Giorgio Pianta, ADAC-Sportchef Joachim Springer sowie der belgische Journalist und Rennfahrer Paul Frère. Ein leichter Job war es bestimmt nicht, den GT stundenlang mit bis zu 200 km/h über die Piste zu prügeln. Erst nach 500 Kilometern gab es Tankstopps mit Fahrerwechsel. Der Treibhauseffekt unter der transparenten Kuppel ist atemberaubend – trotz des grün getönten Wärmeschutzes über dem Fahrer. Ein Erfolg war die Aktion dennoch. Der silberne GT erzielte zwei Welt- und 20 internationale Langstreckenrekorde für Diesel- und Spezialfahrzeuge. Dieselmotoren gehören seither wie selbstverständlich zum Opel-Programm. Der normale GT ist längst Kult. Von den rund 20000 in Deutschland verkauften Exemplaren sind noch etwa 2000 auf den Straßen. 2000 und ein silbernes Weltrekordauto. Heinrich Lingner

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Opel GT Weltrekordwagen

PS/KW 95/70

0-100 km/h in k.A.

Heckantrieb, 4 Gang manuell

Spitze 200 km/h

Preis k.A.