Deutsche Sportwagen: Artega GT, RUF Rt und Wiesmann Roadster Erste Liga

02.10.2011

Gerade die Kleinserien-Sportwagenhersteller sorgen für eine bunte Vielfalt: Artega, RUF, Wiesmann – drei inspirierende Alternativ-Vorschläge made in Germany

Intensiver Handschweiß durchfeuchtet den Alcantara-Bezug am Lenkrad. Genau dort, mitten auf dem Airbag-Cover, steht, wovor ich mich tatsächlich fürchte: drei schnörkelige, ineinander übergehende Buchstaben – RUF. Die Kenner sprechen das beinahe ehrfürchtig aus, schauen Newcomer dabei geheimnisvoll und lange an. Es gibt Porsche-Tuner. Und es gibt RUF.

BREMSFALLSCHIRM, BITTE!
Langsam schiebe ich das Metall in Richtung Bodenblech – und plötzlich gähnt da dieser grüne, beunruhigend unscharfe Tunnel vor der Windschutzscheibe. Zombie-Bäume stürzen in rasendem Tempo auf mich zu, ganze Maisfelder verwandeln sich in messerscharfe XXL-Rechen, Hecken versuchen sich mit langen Krallen den golden leuchtenden RUF-Porsche einzuverleiben, ein kleiner Hügel verwandelt sich schlagartig in eine senkrechte Wand.

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Erst als der RUF Rt 12 R wie besessen in die Kompression hineineinbrennt, meldet irgendeine Panikschaltung: „Fuß vom Gas!“ Das kommt bei mir an. Ich tauche wie aus einem Albtraum auf, kippe sofort Eiswasser in den bitterbösen 730-PS-Boxermotor, löschen, löschen, dann alle positive Energie in die gierig zupackenden Keramik-Scheibenbremsen – wo war nochmal der Knopf für den Bremsfallschirm!? Minuten später habe ich immer noch Ruhepuls 180 – einfach unglaublich, was ein so ruhiger, ausgeglichen wirkender Herr wie der Alois Ruf aus einem Turbo-911 macht.

Das ist nicht nur etwas Chip-Tuning, RUF ist kein Verdeler, sondern ein anerkannter Autohersteller mit eigener Entwicklungsabteilung. Heraus kommt ein Auto, das sich ansatzweise wie ein 911 anfühlt, aber geht und liegt wie ein DTM-Renner. Ach was – besser! Etwas unvorsichtig ans Gas, und es ist überhaupt kein Problem, den einen oder anderen Überholvorgang auf gerader Landstraße trotz Allradantrieb mit Schlupf an vier Rädern in leichtem Drift durchzuziehen. Könner haben hier das ultimative Nordschleifen-Tool mit brutalem Kick und genialem Fahrwerk – oder ein Performance-Gerät, um sich mit heftigen Adrenalin-Dosen selbst immer wieder ein höllisches Vergnügen zu bereiten.

Bei Selbstüberschätzung zeigt sich diese Boden-Boden-Rakete aber wenig kulant. Null Verhandlungs-Spielraum. Gut, dass es da für Liebhaber deutscher Exklusiv-Sportwagen noch mildere Sorten gibt. Einen Artega GT beispielsweise. Der kurze, breite Flachmann aus Norddeutschland favorisiert statt purer Leistungsexstase eher die Balance zwischen moderater Motorisierung und geringem Leergewicht: Ein „nur“ 300 PS starker Saug-V6 aus dem Volkswagen-Regal samt passender Doppelkupplungs-Schaltbox, das ganze Auto wiegt dank Alu-Spaceframe und Kohlefaser-Karosserie keine 1.300 Kilo.

Im Vergleich zum RUF ist aber sofort zu bemerken, dass es sich beim Artega um eine komplette Neukonstruktion handelt, die nicht aus der Entwicklungs-Vorarbeit eines großen Konzern-Herstellers schöpfen kann. So ist das Interieur des 84.000-Euro-Sportwagens zwar ein Hort des elektronischen Spieltriebs geworden – Klick-Fensterheber im Kurbel-Look, im Innenspiegel integrierte Mini-Bildschirm-Navigation, monitorbasierte Eigenbau-Bedienoberfläche für Radio, Klima und Co. Gleichzeitig sind Ergonomie und Funktionalität des Ganzen aber eher sperrig, und die Verarbeitungsqualität kann sich trotz des optionalen Lederpakets nicht am Preis messen lassen.

Auch die Versatzstücke aus diversen Volkswagen-Modellen (Passat, Golf) wirken eher unexklusiv. Aufs Fahren reduziert, kann der Artega aber durchaus gefallen: federleichtes Handling, gelungenes Fahrwerks-Set-up. Der Motor klingt mit rauchigem Timbre super und wirkt richtig energisch. Höchstens die Lenkung sollte nochmal zurück in die Entwicklung: Einmal in Bewegung ist sie viel zu leichtgängig, in Ruhelage jedoch „klebt“ das Lenkrad regelrecht fest – Geradeausfahrt wird so zum Schlängelkurs, und in lang gezogenen Kurven sägt man sich unfreiwillig durch.

BÄRENSTARKER BITURBO-V8
Ausgerechnet die guten Leute von Wiesmann nehmen den Artega in Schutz: „So ein gutes Auto mit diesem Budget in der Zeit hinzubekommen, ist eine Meisterleistung!“ Und die Wiesmänner sollten wissen, wovon sie reden. Bis auf die in der Dülmener Manufaktur eingesetzten BMW-Motoren sind die handgefertigten Roadster und Coupés komplette Eigenentwicklungen. Angefangen vom kleinen MF3 bis hinauf zum Über-Roadster Wiesmann MF5.

Und genau der wartet nun als Letzter auf die Testfahrt. Was für ein Gerät! Die lange Motorhaube schließt gerade so noch über dem mächtigen, bärenstarken BMW-Biturbo-Achtzylinder, beim Druck auf den Startknopf macht das Tier sofort klar, wer hier der Chef ist: Tiefes, bassiges Rumpeln mit kernig aggressiver Note – große Achtzylinder sind einfach ein Muss, möge uns St. Christophorus stets vor dem bösen Downsizing-Fluch behüten. Ach, ist das hier wunderschön gemacht.

Alles im klassischen Stil ohne bieder zu wirken. Bi-Color-Lederschalensitze mit Rautensteppung, Liebe bis ins Detail, herrliche Rundinstrumente, sanft klickende Klimaregler. Da verkraften wir den „Faust-aufs-Auge“-Navigationsmonitor vom Media Markt noch so gerade … Selbst das Thema Funktionalität wurde im Wiesmann nicht außer Acht gelassen: Der Kofferraum fasst ein ordentliches Reisegepäck, das Dach flutscht mit wenigen Handgriffen in die hintere Horizontale, und die Persenning ist ohne Fummelei aufzubringen – manche Großserien-Hersteller schaffen nicht mal das.

Dann den Wählhebel auf D, und plötzlich hat man diesen Fahrtwind im Cockpit, der Roadster-Fahren erst so richtig schön macht. Nackenheizung? Windschott? Nein danke! Dazu der bestialische Abzug des Turbo-V8, das subjektiv und objektiv mit Sportlichkeit vollgesogene Handling – in diesem Vergleich gewinnt der Große aus Dülmen, der Wiesmann Roadster MF5. Die Leistung des RUF ist in diesem Universum kaum zu händeln, bis man einen Artega empfehlen kann, dürften noch ein paar Monate vergehen. Schön aber, dass es sie alle gibt. Made in Germany.
Johannes Riegsinger

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TECHNIK
     

RUF Rt 12 R
ARTEGA GT
WIESMANN ROADSTER MF5
Motor B6-Biturbo V6-Zylinder V8-Biturbo
Hubraum 3746 cm3 3597 cm3 4395 cm3
Leistung bei 730 PS (537 kW)
bei 7000 /min
300 PS (220 kW)
bei 6600/min
555 PS (408 kW)
bei 5750/min
Max.
Drehmoment bei
940 Newtonmeter
Drehmoment
bei 3500/min
350 Newtonmeter
Drehmoment
bei 2400 /min
680 Newtonmeter
Drehmoment
bei 1500 /min
Getriebe 6-Gang-Getriebe 6-Gang, Doppelkupplung 6-Gang-Automatik
Antrieb Allrad Hinterradantrieb Hinterradantrieb
Aufbau
und Fahrwerk
Selbsttr. Stahl-Karosse
mit Alu/CFKAnbauteilen
Alu-Spaceframe
mit Alu/CFK-Anbauteilen
Alu-Monocoque
mit CFK-Anbauteilen
Bereifung v. 235/35 ZR 19,
h. 325/30 ZR 19
v. 235/35 ZR 19,
h. 305/30 ZR 19
v. 245/40 ZR 19,
h. 275/35 ZR 19
L/B/H 4467/1868/1300 mm 4015/1882/1180 mm 4220/1950/1180 mm
Radstand 2350 mm 2460 mm 2507 mm
Leergewicht 1.495 kg 2.460 kg 1.410 kg
FAHRLEISTUNG /
VERBRAUCH
     
0-100 km/h 3,4 s 4,8 s 3,9 s
Höchst-
geschwindigkeit
360 km/h 270 km/h 311 km/h
EU-Verbrauch 13,5 l SP / 100 km 9,2 l SP / 100 km 10,7 l SP / 100 km
KOSTEN      
Grundpreis 279.000 Euro 83.900 Euro 193.500 Euro

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