Der weisse Elefant Der weisse Elefant

01.12.2006

Er war der letzte Vertreter seiner Gattung - groß, schwer und stark. Mit dem SSKL baute Mercedes 1931 für Rudolf Caracciola den ultimativen Kompressor-Rennsportwagen

Eckdaten
PS-kW350 PS (257 kW)
AntriebHeckantrieb, 4 Gang manuell
0-100 km/hk.A.
Höchstgeschwindigkeit235 km/h
Preisk.A.

Eigentlich sind sie ausgestorben, völlig verschwunden. Zahlreich waren sie ohnehin nie, diese Schwergewichte. Drei echte Mercedes SSKL soll es insgesamt einmal gegeben haben. Zwei davon sind irgendwann verschrottet worden. Und über den Verbleib von Nummer drei hat sich der Nebel der Kriegswirren gelegt. Manches ging in dieser Zeit verloren - und wohl auch der letzte SSKL. Aber trotzdem steht er jetzt vor mir: gewaltig, Ehrfurcht gebietend. Ein Nachbau, aber Replika scheint hier das falsche Wort. Es ist eher ein Klon mit dem identischen Erbgut seiner gewaltigen Brüder. Alles an diesem Wagen besitzt unglaubliche Dimensionen: Eineinhalb Tonnen wiegt dieser Mercedes, unter dessen Motorhaube ein 7,9 Liter großer Sechszylinder mit Kompressor steckt. Mit seinen 1.500 Kilogramm Leergewicht ist er dennoch der leichteste Sportwagen jener Baureihe, die 1927 mit dem Modell S begann. Man mag es kaum glauben, aber der SSKL trägt den Hinweis auf seine vergleichsweise grazile Gestalt schon im Namen: Das L steht tatsächlich für leicht. Sein nächster Verwandter, der SSK, bringt nochmal rund 350 Kilogramm mehr auf die Waage. Kreisrunde Löcher in den massiven Rahmenträgern deuten an, dass für Abmagerungskuren auch radikale Lösungen notwendig waren. Aber schließlich hatte dieses Auto nur einen Zweck - Rennen gewinnen. Daran lässt der akustische Auftritt keinen Zweifel. Mit dumpfem Grollen meldet sich der Sechszylinder zu Wort, als der ständige Betreuer den Zündschlüssel herumdreht. Der Mann hinter dem Lenkrad lässt den Motor warmlaufen, während ich staunend um den Koloss marschiere. Seit vielen Jahren arbeitet dieser Mann für einen Sammler mit solchen Mercedes-Kompressor-Sportwagen - und er fährt sie auch. Die Bemerkung seines Chefs, dass auch ich heute diese Pretiose bewegen dürfe, hat er mit skeptischer Miene quittiert. Durch vorsichtige Gaspedalbewegungen scheint er nun die etwa 350 PS erst mal aufwecken zu wollen. Die Geräuschkulisse passt zu diesem Auto - ein unglaublicher metallischer Krach. Hier wartet ein Grand-Prix-Rennwagen auf seinen Auslauf. Der SSKL war damals maßgeschneidert für einen Mann: Rudolf Caracciola. Kein anderer Pilot konnte den weißen Elefanten so virtuos bändigen wie der 1901 in Remagen geborene Mann mit dem italienischen Namen. Er war der Star im Fahrer-Ensemble von Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer. Und als die Weltwirtschaftskrise 1931 den offiziellen Werkseinsätzen der Untertürkheimer ein vorläufiges Ende machte, startete Caracciola als werksunterstützter Privatfahrer. Mit dem neuen SSKL - und unter der Ägide von Neubauer, der eine kleine Mechaniker-Truppe kommandierte. Der erste Auftritt fand am 11. April 1931 bei der Mille Miglia statt, dem berühmtesten Straßenrennen jener Zeit. Auf nicht abgesperrter Strecke ging es von Brescia einmal quer durch Italien nach Rom und dann wieder zurück. Noch nie zuvor hatte ein Nicht-Italiener dieses Rennen über mehr als 1600 Kilometer gewinnen können. Doch Caracciola siegte mit seinem Beifahrer Wilhelm Sebastian und sorgte damit für eine Sensation. Es war der Auftakt einer erfolgreichen Saison: Mit sieben Siegen sicherte er sich den Titel des Berg-Europameisters, gewann auf der Avus und beim Eifelrennen - und triumphierte schließlich auch beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Hier trat Caracciola in der Rennwagen-Klasse an, dafür wurden am SSKL nur Kotflügel und Lampen abmontiert. Gegenüber der Grand-Prix-Konkurrenz von Bugatti, Maserati und Alfa Romeo aber wirkte der Mercedes riesig. Zum Vergleich: Ein Bugatti 35B wog nur etwa 750 Kilogramm. Mein persönlicher Nürburgring ist heute eine schmale Landstraße. Der SSKL ist nach einigen Kilometern Fahrt unter kundiger Führung auf Betriebstemperatur. Ich zwänge mich vorbei am großen Lenkrad auf den Fahrersitz, mein Begleiter setzt sich zur Einweisung daneben. "Auf den Öldruck achten", warnt er. Noch immer scheint er wenig begeistert. Ich kann ihn verstehen. Denn wenn ich diesem Riesen hier ungewollt weh tue, muss er die Wunden heilen. Aber daran mag ich überhaupt nicht denken. Auch nicht an den Wert dieses Autos, der sich kaum ermessen lässt. Ein SSK wurde vor kurzem für mehrere Millionen Euro verkauft. Ein kleines Detail macht mir ernsthafte Sorgen - nämlich die Anordnung der Pedale: Im Mercedes SSKL liegt das Gaspedal in der Mitte, die Bremse sitzt rechts. Nicht ungewöhnlich für einen Rennwagen dieser Epoche, aber völlig ungewohnt für mich. Das macht nervös. Mit der Handpumpe links am Armaturenbrett sorge ich für Benzindruck, dann drehe ich den Zündschlüssel. Der Anlasser müht sich kurz, plötzlich brüllt der Sechszylinder auf. Ich lege den ersten Gang ein, gebe ein wenig Gas und schaue auf den riesigen Drehzahlmesser. So vorsichtig wie möglich lasse ich die Kupplung kommen. Und das Auto setzt sich in Bewegung. Das Lenkrad erfordert festen Griff, die Wege des Schaltknüppels sind beinahe so lang wie die endlose Motorhaube. Überhaupt, das Schalten: Im SSKL mit seinem unsynchronisierten Getriebe ist es noch eine hohe Kunst. Und spätestens hier erreiche ich heute meine Grenzen. Denn mit der ungewohnten Pedalanordnung will das Zwischengasgeben nicht wirklich zufrieden stellend glücken. Und so erspare ich mir auch einen vehementen Tritt auf das Gaspedal, obwohl sich erst dann der Kompressor heulend zuschaltet. Herumrollen reicht mir. Nach einigen Minuten räume ich den Platz am Volant schließlich wieder. Immerhin - mein Begleiter schaut mich am Ende dieser Zeitreise nicht so strafend an, wie ich zuvor befürchtet hatte. Der weiße Elefant lebt noch. Dieter C. Serowy

Technische Daten
Motor 
ZylinderR6
Hubraum7912
Leistung
kW/PS
1/Min

257/350
3500 U/min
Max. Drehmom. (Nm)
bei 1/Min
null
k.A.
Kraftübertragung 
Getriebe4 Gang manuell
AntriebHeckantrieb
Fahrwerk 
Bremsenv: Trommel
h: Trommel
Bereifungv: 235/35 R 19
h: 265/30 R 19
Messwerte
Gewichte (kg) 
Leergewicht (Werk)1500
Beschleunigung/Zwischenspurt 
0-100 km/h (s)k.A.
Höchstgeschwindigkeit (km/h)235
Verbrauch 
Testverbrauchk.A.
EU-Verbrauchk.A.
Reichweitek.A.
Abgas-Emissionen 
Kohlendioxid CO2 (g/km)k.A.

Tags:
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