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Nissan Primera 2.0

Berg- und Talfahrt

"Eine neue Form von Intelligenz", warb Nissan bei der Markteinführung des neuen Primera. 100000 Test-Kilometer sollten klären, was der Mittelklässler anderen voraus hat

Eckdaten
PS-kW140 PS (103 kW)
AntriebFrontantrieb, 6 Gang manuell
0-100 km/h10.90 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit205 km/h
Preis27.090,00 €

Wohl dem, der etwas wagt, denn der Mut zur Veränderung ist die treibende Kraft des Fortschritts. So ähnlich mögen die Nissan-Gewaltigen gedacht haben, als sie die Pläne für ihren neuen Primera verabschiedeten. Anfang 2002 kam der Mitteklässler nach Deutschland und führte Großes im Schilde: "Wir wollten von den stereotypen Limousinen-Konzepten wegkommen", so Stéphane Schwarz, verantwortlicher Designer des Primera-Projekts. "Diese Fahrzeuge sind in der Regel sehr konservativ, weil immer wieder die drei Grundelemente Haube, Kabine und Kofferraum betont werden." Klarer Fall: Mit der formalen Hausmannskost altvorderer Nissan-Modelle sollte endgültig Schluss sein.

Entsprechend groß war das Interesse, als der im Monosilhouette-Design gestaltete, viertürige Primera 2.0 Tekna im Oktober 2002 den Redaktionsparkplatz erreichte. Die Kommentare zu dessen prägnanter Karosserieform reichten von progressiv bis gewöhnungsbedürftig. Einhellig begrüßt wurde die Tatsache, dass sich der mutige Strich auch im Innenraum fortsetzt. Der Armaturenträger verläuft bogenförmig. Von den mittig platzierten Analoginstrumenten ausgehend, umgeben voluminöse Kunststoff-Paneele Fahrer und Beifahrer. Das Ganze wirkt wie aus einem Guss und durchaus ansprechend. Auch das N-Form-Bedienkonzept, bei dem viele Funktionen für das Radio, die Navigation und die Klimatisierung mit wenigen Tasten gesteuert werden können, macht zumindest stilistisch etwas her.

Doch schon nach den ersten Ausfahrten des Dauertest-Neuzugangs hagelte es Kritik. Der Autor notierte: "Die Richtlinienkompetenz in Bedienungsfragen sollte nicht im Designstudio liegen. Bei den sechs identischen Menütasten für die Radio- und die Klimaregelung sind Fehl-bedienungen programmiert.." Die Bemerkung eines Test-Redakteurs klingt kaum versöhnlicher: "Das ist ein Mittelklasse-Auto und kein Maybach. So viele Funktionen bietet der Wagen doch gar nicht, dass man nicht für jede einen eigenen Knopf unterbringen könnte."

Auch der in der höchsten Ausstattungslinie serienmäßige 7,0-Zoll-Bildschirm stand in der Kritik. Er muss ohne eine Schatten spendende Abdeckung auskommen, steht zudem relativ flach und bietet daher einen schwachen Kontrast bei Tageslicht. Die Ablesbarkeit ist entsprechend dürftig.

Ein schärferes, allerdings schwarz-weißes Bild liefert der Monitor, sobald der Rückwärtsgang eingelegt ist. Grund: Oberhalb des hinteren Kennzeichens ist eine Mini-Kamera montiert, die erstaunlich genau das Geschehen hinter dem Auto zeigt. Die optische Rangierhilfe funktioniert gut, sofern die Linse nicht durch Schmutz getrübt ist. Seit der im Juli 2004 erfolgten Modellpflege sendet die kleine Kamera sogar in Farbe. Auch am anderen Ende hätte der Primera eine solches Peilinstrument verdient, denn die ßbersichtlichkeit der Karosserie mit ihrer stark nach vorn abfallenden Motorhaube ist schlichtweg miserabel.

Die keilförmig zulaufenden, relativ kleinen Außenspiegel standen immer wieder in der Kritik. Kein Grund, sie gleich abzufahren, dennoch wurde das rechte Exemplar Opfer eines zu innigen Kontakts mit einer Betonsäule. Bei Kilometerstand 53418 zum Preis von 54,18 Euro ersetzt, blieb das Spiegelglas der einzige kosten-pflichtige Reparaturposten. Dank einer fairen dreijährigen Garantie können Nissan-Kunden technischem Ungemach entspannt entgegensehen die Firma zahlt. Manchmal sogar kräftig. Bei Kilometerstand 55100 nämlich schien der Dauerläufer in die Spuren von Goethes Erlkönig-Protagonisten geraten zu sein: Er erreichte der Werkstatt Hof mit Mühe und Not, doch zu spät ...

Ein verdächtiges Rasseln aus dem Maschinenraum hatte kurz zuvor das Aufsuchen des Nissan-Betriebs nahe gelegt. Dessen Diagnose nach Demontage des Zylinderkopfes: kapitaler Motorschaden. Ursache war das in Auflösung begriffene keramische Innenleben des Katalysators. Kleinste Teile der Keramik gelangten im Zuge der Abgasrückführung in die Brennräume des Motors und verursachten irreparable Schäden an Kolben und Zylinderlaufbahnen. Ein von Nissan parallel gestarteter Rückruf hatte die Redaktion nicht mehr rechtzeitig erreicht.

Der 140 PS leistende 2,0-Liter-Vierzylinder erweist sich als manierlich arbeitende Kraftquelle. Die von den Japanern versprochene Laufkultur auf Sechszylinder-Niveau erreicht er allerdings nicht. Um das Potenzial des wenig durchzugsfreudigen Vierzylinders wirklich nutzen zu können, ist fleißige Schaltarbeit vonnöten. Der häufige Griff zur knochig arbeitenden Sechsgangschaltung bereitet dabei aber kaum Freude. Testnotiz: Ein störrisches Instrument. Man muss jeden Gang entschlossen auf Position rücken, flinke Gangwechsel mag es gar nicht. Weitere Kritik galt den harten Vordersitzlehnen und den stark nach vorn gereckten, jedoch nicht neigungsverstellbaren Kopfstützen. Vermerk eines Redakteurs:
"Kopfstützen sind zwar keine Ruhekissen. Die im Primera aber zwingen beinahe zu demütiger Fahrt mit gesenktem Haupt."

Lob gab es für das gute Platzangebot und den fürstlichen Beinraum in der zweiten Reihe. Getadelt wurde dagegen der mäßige Federungskomfort. Speziell auf der Hinterhand federt der Nissan ruppig ein. Die im Rahmen der Modellpflege erfolgten Fahrwerksänderungen sollen für Abhilfe sorgen. Durch eine höhere Lenkkraftunterstützung ist die Schwergängigkeit der Lenkung inzwischen passé. Dennoch operiert sie nach wie vor gefühllos und mit großen Winkeln.

Der reiche Ausstattungsumfang des einst 26800 Euro teuren Primera Tekna erfreut: Xenon-Licht, Nebelscheinwerfer, 17-Zoll-Aluminiumfelgen, DVD-Navigationssystem, Rückfahrkamera, integrierte Mobiltelefon-Bedienung mit Freisprecheinrichtung, Regensensor und ESP sind serienmäßig an Bord. Der hohe Wertverlust von 16725 Euro aber mindert die Freude erheblich. Genau 52 Prozent der Primera-Verkäufe entfallen übrigens auf den Kombi, 36 Prozent auf den Fünftürer und zwölf Prozent auf den getesteten Viertürer.

Ein großer Markterfolg ist dem Primera bei alldem nicht beschieden. Exakt 7334 Exemplare wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen - ein Minus von 38,4 Prozent zum Vorjahr und erheblich weniger als im Jahr seiner Einführung (2002: 17238 Einheiten). Die japanischen Konkurrenzmodelle Toyo-ta Avensis (28656) und Mazda6 (24444) wiesen 2004 eine weitaus bessere Bilanz auf. Nur der Honda Accord (6703) lag knapp hinter dem Nissan. Ein Händler klagt: "Den Primera hat uns der Importeur als wichtiges Volumenmodell angekündigt. Es wäre besser gewesen, sie hätten den alten einfach weitergebaut."

Stefan Miete

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Nissan Primera 2.0

PS/KW 140/103

0-100 km/h in 10.90s

Frontantrieb, 6 Gang manuell

Spitze 205 km/h

Preis 27.090,00 €