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Porsche Carrera: 60 Jahre-Jubiläum

60 Jahre Carrera

356 B CARRERA GT & GTL ABARTH

Jetzt kommt die große Überraschung für alle ergebenen 911-Fans, die der Meinung sind, nach dem RS 2.7 könne es keine Steigerung mehr geben. Ob Ihr es glaubt oder nicht – diese beiden 356er entfachen noch mehr Carrera-Feeling als der ultimative historische Elfer.

So niedlich und harmlos die beiden Silberlinge auch aussehen mögen – ein Dreh am links platzierten Zündschlüssel und ein anschließender Druck auf selbigen zur Betätigung des Anlassers genügt, und jeder Gedanke an Nachkriegs-Nostalgie wird regelrecht weggeblasen.

Nur wer historischen Rennsport aus der Nähe erlebt hat, zuckt nicht zusammen unter dem Eindruck des höllisch-göttlichen Krawalls, den die Vierzylinder-Boxer entfachen. Der Sebring-Auspuff röchelt, bellt, knallt, schreit und grollt, als gelte es, die sportlichen Gegner schon vor dem Start akustisch zu demoralisieren.

DER SEBRING-AUSPUFF MACHT INFERNALISCHEN KRAWALL

Darunter mischt sich eine Vielfalt von Einzelgeräuschen, wie sie nur ein mechanisches Meisterwerk wie der nach seinem Konstrukteur benannte „Fuhrmann-Motor“ zuwege bringt. Der Fuhrmann-Vierzylinder besitzt je Zylinderseite auslassseitig eine Königswelle, die von einer parallel zur Kurbelwelle angeordneten Zwischenwelle angetrieben wird.

Dazu hat er zwischen Ein- und Auslassnockenwelle eine Zwischenwelle, die den Antrieb der Einlasseite übernimmt. Zwei Doppelvergaser pro Zylinderbank und Doppelzündung sorgen dafür, dass der im 356 eingebaute Rennmotor aus zwei Litern Hubraum mehr Kraft schöpft als viele Dreiliter-Sechszylinder aus seiner Epoche.

Offenbar will jedes Zahnrad, jeder Schlepphebel und jedes Bauteil des doppelfl utigen Lüftergebläses seinen Teil zur Einschüchterung der Konkurrenz beitragen. Das Ganze addiert sich im 356 GT zu einem maximalen Schallpegel von über 100 Dezibel und bedeutet, dass ein mit Vollgas überholender RS 2.7 selbst bei geöffnetem Seitenfenster nicht zu hören ist.

Neben dem fantastischen Sound produziert der Fuhrmann-Motor mit der offenen 4-in-1-Anlage zweistellig mehr PS als mit dem Basisauspuff, im Renntrimm fulminante 175 PS. Das alles klingt noch beeindruckender, als es sich liest.

Doch am Lenkrad eines 356 Carrera verliert man keinen Gedanken daran, sondern ist voll und ganz damit beschäftigt, die drehzahlhungrige Maschine bei Laune zu halten, sofern ihre acht Liter Motoröl gut temperiert sind.

Erst ab 3500/min setzt der Boxer sein angriffslustiges Johlen in vehementen Vorwärtsdrang um. Der vom französischen Privatfahrer Jean-Pierre Estager 1964 für Renneinsätze mit der größten Ausbaustufe des Fuhrmann-Motors, der Zweiliter-Variante, ausgestattete Wagen braust dann so quirlig los, dass man unwillkürlich grinsen muss.

Was dieses Auto zwischen 4000 und 7000/min veranstaltet, gehört zu den nachhaltigsten Fahrerlebnissen, die ein Sportwagenfan erleben kann. Sogar große Fahrer finden im Rennsitz den optimalen Abstand zu Lenkrad und Pedalerie. Die wenigen Instrumente sind perfekt ablesbar, der dürre Schalthebel findet die Gänge fast von alleine.

DER 356 ABARTH ERFORDERT ABGEBRÜHTHEIT UND OHROPAX

Die von Carlo Abarth mit hauchdünnen Aluminiumblechen bezogene Spezialversion erfordert dagegen mehr Gelenkigkeit und Abgebrühtheit vom Piloten. Der 356 GTL Abarth ist zwölf Zentimeter flacher und noch einmal um fast 70 Kilo leichter als der Werks-Carrera.

Wegen der besseren Aerodynamik ist auch sein Viergang-Getriebe auf 220 km/h Spitze ausgelegt, aber immittleren Drehzahlbereich fehlt es an Kraft. Das Hochschalten bei weniger als 6500/min bestraft der Carrera Abarth mit Leistungseinbruch. Da helfen nur Ohropax und eine klare Jobverteilung im Getriebe: Diesseits der Autobahn bleibt der vierte Gang beschäftigungslos.

In der engen Alukapsel kommen sich der riesige Lenkradkranz, der lange Schalthebel und das rechte Knie des Piloten ohnehin ständig gegenseitig in die Quere. Das Zusammenspiel von Bremsen, Lenken und Schalten gerät da schwierig.

Auch deshalb fällt es leichter, mit dem Werks-Carrera eine saubere Linie zu fahren und das Potenzial des Wagens auszuloten. Auf kurviger Strecke ist der 356 B Carrera ein leichtfüßiges und beinahe einfach zu dirigierendes Sportgerät, solange der Fahrer es nicht übertreibt.

Die schmalen Reifen übernehmen in schnellen Kurven nicht zu viel Haftung. Doch liefert das Auto ein so glasklares Feedback, dass erfahrene Piloten ein hohes Tempo angehen können.

Der Name „Carrera“ steht für Rennsport-Technik und pures Fahrgefühl. Die 356er bereiten auf kurzenreichen Strecken ein gigantisches Vergnügen. 911 RS und 924 GT sind dafür die besseren Allrounder.

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Karsten Rehmann