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Vier Porsche 911 Turbo im Vergleich

Volle Ladung

Seit 40 Jahren steht der Porsche 911 Turbo als Synonym für brachiale Leistung, tolle Fahrdynamik und einen Sportwagen- Charakter, der harte von weichen Männern trennt. Vergleichstest

Den Mutigen gehört die Welt, heißt es so schön. Bezogen auf die Welt automobiler Fahrdynamik sind dies seit 40 Jahren vor allem die Fahrer eines Porsche 911 Turbo. Denn sein Charakter ist speziell, seine Power infernalisch und sein Gebaren im Grenzbereich selektiv. Ein 911 Turbo fordert wie kein anderer Sportwagen einen Herrn. Einen Knecht zertritt er erbarmungslos. Das schien Anfang der 70er manchem Beobachter bereits klar zu sein, bevor er seinen Allerwertesten überhaupt in die perfekten Seitenhalt spendenden Sportsitze eines Turbo-Elfers gedrückt hatte. 1973 stellte Porsche auf der IAA in Frankfurt den allerersten 911 mit Turbo-Aufl adung vor und rund ein Jahr später, im Oktober 1974, präsentierte der Sportwagenbauer schließlich die endgültige Serienversion namens 911 Turbo, werksintern als Typ 930 bezeichnet. Mit 260 PS aus drei Litern Hubraum und gewaltigen 343 Newtonmeter Drehmoment kommt er daher. So mancher ambitionierte Sportfahrer fragte sich damals, ob so viel Power überhaupt noch beherrschbar sein könne.

Die Antwort darauf gibt uns am heutigen Tag ein 911 Turbo 3.0 auf dem kurvigen Terrain der Schwäbischen Alb und damit praktisch direkt vor Porsches Haustür. Angesichts von Turboschub, Heckantrieb und fehlender Regelsysteme danken wir zunächst dem Herrn, dass der Asphalt trocken und warm anstatt kalt, feucht und rutschig ist. Denn der Leistungseinsatz, den der 911 Turbo 3.0 bei knapp 4000 Touren kredenzt, ist auf einem haltlosen Untergrund keineswegs zu unterschätzen. So machen wir uns zusammen mit unserem Copiloten „Lenor- Gewissen“ auf zu einer von tiefer Vernunft geprägten Testfahrt. Sollte das Heck auch nur im Ansatz quer kommen – sofort wirkt unser Freund „Lenor-Gewissen“ mahnend auf uns ein und verhindert zerdeppertes Blech ebenso wie signifi kant hohe Bußgeldbescheide. Mitte der 70er-Jahre und auch noch heute gilt „Lenor-Gewissen“ als adäquater Ersatz beziehungsweise Ergänzung für Regelsysteme wie ESP, Traktionskontrolle oder auch ABS.

911 Turbo 3.0 - ein echtes Urviech

Tatsächlich gebärdet sich das vermeintliche Leistungs- und Drehmomentmonster aber zunächst lammfromm. Die K-Jetronic- Einspritzung und der KKK-Turbolader füllen die sechs Zylinder sauber abgestimmt mit Frischgas. Bis auf ein konstruktionsbedingt etwas trägeres Ansprechen als bei vergleichbaren Saugmotoren deutet im Stadtverkehr denn auch nichts auf den möglichen martialischen Antritt des gebläsegekühlten Sechszylinder-Boxers hin – was sich mit dem Passieren des gelben Ortsausgangsschildes jedoch nachhaltig ändert. Motiviert treten wir das schmale schwarze Pedal ganz rechts im Fußraum bis zum Anschlag und es passiert – fast nichts! Gleichförmig wandert die Nadel des Drehzahlmesser Richtung 3000, dann 3500 Touren, und erst knapp unterhalb der 4000er-Marke verwandelt sich Dr. Jekyll in Mister Hyde: Vergleichbar dem Einschlag einer Abrissbirne tritt uns der 3,0-Liter- Turbo ins Kreuz, und wie vom Katapult beschleunigt schießt uns der Ur-Turbo ins heranfl iegende Landstraßen-Orbit. Bis auf wenige Schaltereinheiten oder die Lüftungsdüsen übernahm der 911 Turbo 3.3 das Cockpit fast unverändert.

Später folgte ein neues Lenkrad Das Cockpit mit den fünf Rundinstrumenten gehorchte der bis heute währenden Elfer-Tradition und bietet Informationen in Hülle und Fülle Der 911 Turbo 3.0 setzte mit seinen 260 PS 1974 Maßstäbe Der 911 Turbo 3.3 war der erste Serien-Turbo mit Ladeluftkühlung Die so genannten „Füchse“ haben ihren Kultstatus bis heute behalten Das Layout der Türverkleidungen war über Jahrzehnte maßgebend Vollleder und elektrische Sitzverstellung. Der Turbo bot auch Luxus Bereits 1974 trumpfte der 911 Turbo 3.0 mit sensationell guten Sitzen auf Gerade so eben gelingt es uns, vom zweiten in den dritten Gang zu schalten und den Straßenverlauf dennoch im Auge zu behalten, doch kaum eine Sekunde später mahnt uns „Lenor-Gewissen“ eindringlich zum Blick auf den Tacho.

Ohne Frage sollte man diesen beim 911 Turbo 3.0 höchst wachsam im Auge behalten – andernfalls ist man zu schnell. Viel zu schnell. Doch die Kurven werden enger, die möglichen Tempi geringer, und so darf der aufgeladene Elfer in ganz legalem Rahmen zeigen, was er drauf hat. Etwa beim Anbremsen. Das Herunterschalten klappt mit einem kurzen Stoß Zwischengas wunderbar, und die Bremsanlage erweist sich einmal mehr als das Paradestück auch dieses Porsche. Ein Porsche bremst nicht einfach – er krallt sich dabei förmlich in den Asphalt. Übrigens auch in Kurven, wo der Elfer Querbeschleunigungen ermöglicht, die uns in manch anderem Gefährt längst in die Botanik befördert hätten.

Jürgen Gassebner
Fazit

Ein 911 Turbo begeistert, ganz gleich welcher Typ. Ein hohes Maß an Funktionalität zeigen alle vier luftgekühlten Elfer. Doch das ultimative Turbo-Feeling inklusive selektivem Fahrverhalten bieten nur die heckgetriebenen, mit Monoturbo-Technik ausgestatteten 911 Turbo 3.0, 3.3 und 964. Hier sind noch echte Könner am Volant gefordert, zumindest auf nasser Piste oder wenn es richtig zur Sache geht. Für mich als bekennenden 993- Fan ist der 993 Turbo dennoch das Maß der Dinge, wenn auch mit einem Wermutstropfen – der heißt Allradantrieb. Ich brauche ihn nicht, ich will ihn nicht. Und glücklicherweise hat Porsche auch an solche Fahrer gedacht, in Form des 993 GT2. Doch das ist eine andere Story.