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Reportage: Im Fiat Dino Spider durch Turin

Besuch der alten Dame

Dottore Salvatis Auto stammt aus der zweiten Serie ab 1971, die einen auf 2,4 Liter vergrößerten V6 mit 180 PS unter der lasziv geschwungenen Motorhaube trägt. Das Aggregat wurde von Aurelio Lampredi konstruiert, der in den 50er-Jahren den großen Ferrari-V12 ersonnen hatte und nun als Chefkonstrukteur bei Fiat im Begriff war, die ersten Doppelnocken-Vierzylinder mit wartungsfreundlichem Zahnriemenantrieb zu realisieren.

Dino Spider in Turin: 2,4-Liter-V6 mit 180 PS

Der Motor ist wie das komplette Auto ein Gedicht, die blanke Poesie: Er faucht und beißt, singt und jubiliert, zieht kraftvoll an und schwingt sich mit Leichtigkeit hinauf zu hohen Drehzahlen. Dazu servierte Fiat ein perfekt abgestuftes Fünfgang-Getriebe von ZF. Dieses Ensemble konnte es seinerzeit mit jedem Sportwagen der Welt aufnehmen und stellte sogar die zeitgenössischen Modelle des aus Prinzip verwegeneren Lokalrivalen Lancia in den Schatten.

Obwohl die Endmontage des Dino 2400 Spider nicht in Turin, sondern bei Ferrari stattfand, symbolisierte dieses Auto damals wie heute die Macht des Fiat-Konzerns und die Bedeutung der „Autostadt“ Turin. Der Aufstieg begann für beide mit der sagenhaften „Lingotto“-Fabrik am Südrand der Stadt, gebaut nach Ideen des Fiat-Patriarchen Giovanni Agnelli, der zuvor die Ford-Werke in Detroit besichtigt und dort die Zukunft des Automobils gesehen hatte.

Im „Lingotto“ wurden Chassis und Antrieb vom Erdgeschoss an aufwärts Stockwerk für Stockwerk zusammengesetzt, bis schließlich die fertigen Autos aus eigener Kraft aufs Dach rollten, wo sich eine Einfahrbahn mit Steilkurven befand. Der 1922 in Anwesenheit des italienischen Königs Vittorio Emanuele III. eingeweihte Komplex war die modernste Autofabrik Europas. Heute dient der denkmalgeschützte Bau als Tagungszentrum, auf dem Dach wird die erlesene Gemäldesammlung der Familie Agnelli in einer Pinakothek präsentiert.

1939 bescherte Fiat der Stadt Turin einen weiteren Meilenstein der Industriearchitektur, das Werk Mirafiori. Heute ist es eines der ältesten noch in Betrieb be ndlichen Autowerke in Europa. Von 1947 bis 2010 liefen dort die meisten Fiat-Bestseller vom Band, doch diese Zeit ist nun vorbei: In Mirafiori wird zurzeit der Alfa MiTo produziert, parallel dazu wird die Fertigung des neuen Maserati SUV vorbereitet.

Bald gehört die große Epoche, als Fiat die Entwicklung Turins prägte, endgültig der Vergangenheit an. Wer darüber sentimental wird, findet Trost im Nationalmuseum für Automobile am Ufer des Po. Es berherbergt auf 19.000 Quadratmetern eine der faszinierendsten Kollektionen Europas. Dottore Salvati verzichtet auf einen Besuch. Er kennt die Exponate auswendig. Und wir wissen ja, wo wir ihn finden: in der Caffé Bar nebenan. Grazie e salute, Dottore!

Karsten Rehmann