Faszination: Citroën DS 19 Cabriolet Palm Beach Rendevous mit der Göttin

08.04.2010

Schon ein normales Citroën DS Cabriolet ist eine Rarität. Noch viel seltener ist das prachtvolle Palm Beach Cabriolet des Karosseriebauers Henri Chapron

Zur Komplettierung des Bildes, zur Verdeutlichung des unfassbaren Kontrastes fehlt an diesem sonnigen Herbsttag nur noch eine Ente, der legendäre 2CV. War dieser Kleinwagen während seiner gesamten, von 1948 bis 1990 dauernden Produktionszeit ein Synonym für die Reduzierung aufs Wesentliche, so steht das DS Cabriolet seit seinem Debüt 1960 für automobilen Luxus. Citroën beherrschte diesen Spagat zwischen dem einfachen Auto für die Massen und der Ikone mit Traummaßen in Perfektion.

Die 1955 vorgestellte DS Limousine mit ihrer revolutionären Hydropneumatik samt Hochdruck-Bremse und selbst zurückstellender Servolenkung war ein technologisches Meisterstück und ließ Automobile von Mercedes-Benz, Jaguar oder BMW altbacken dastehen. Das Cabriolet fügte diesem Status der unangepassten, radikal Neues denkenden Fortschrittlichkeit eine emotionale Wucht jenseits allen Statusdenkens hinzu. Wer sich eines dieser Cabriolets leisten konnte, gönnte sich etwas und zeigte seiner Umwelt nicht nur Wohlstand, sondern auch eine nonkonformistische Geisteshaltung und – dies vielleicht vor allem – Genussfähigkeit.

EIN TEURES VERGNÜGEN
Sehr viele Käufer fand die offene DS – die Modellbezeichnung DS kokettiert lautmalerisch mit dem französischen Wort déesse („Göttin“) – nicht. Zwischen 1961 und dem Produktionsstopp 1971 entstanden 1365 offene Göttinnen, die der französische Karosseriebauer Henri Chapron für Citroën baute. Die DS Limousine war dagegen ein Massenprodukt: Bereits am Abend der Weltpremiere auf dem Pariser Automobilsalon 1955 hatten 12 000 Kunden einen Kaufvertrag unterzeichnet, bis zum Produktionsende 1975 wurden mehr als 1,4 Millionen Exemplare der DS und der einfacheren Einsteiger-Version ID gebaut.

Die relativ geringe Verbreitung des DS Cabriolets hatte ihren Grund natürlich im Preis, der den der nicht gerade preiswerten Limousine um gut zehn Prozent übertraf. Doch dieser Aufschlag war im Grunde ein Klacks, wenn man die Preisgestaltung ganz besonderer DS Cabriolets betrachtet, die die „Ateliers Henri Chapron“ für eine sehr anspruchsvolle Klientel auf Kiel legten. Zwischen 1962 und 1964 etwa fertigten die Karosseriebauer 30 Einzelstücke mit der Typenbezeichnung Palm Beach, von denen jedes Exemplar fast zweimal so teuer war wie das Werks-Cabriolet.

DEZENTE LUXUS-INSIGNIEN
Das Palm Beach Cabriolet auf diesen Seiten gibt in seinem warmen Rot-Ton einen sehr guten Eindruck von der leisen Dezenz dieser Automobile. Die farblich abgesetzten Planken zwischen den Radhäusern lassen das Auto leichtfüßiger wirken als das Serien-Cabriolet, während der großzügig aufgebrachte Chromschmuck an den vorderen Kotflügeln und den Türen, die Weißwandreifen sowie die vielspeichigen Chromradkappen ein unschuldiges Plädoyer für Opulenz weit entfernt von neureicher Extrovertiertheit halten.

Nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist die um einige Zentimeter gestutzte Windschutzscheibe, die den fließenden Linien der sich heckwärts verjüngenden Karosserie zusätzliche Eleganz verleiht. Letztes von außen sichtbares Erkennungszeichen des Palm Beach – abgesehen von den Schriftzügen und dem Chapron-Emblem – ist die Zahl der Seitenscheiben: Während das Werks-Cabrio nur in den Türen versenkbare Fenster hat, können in Chaprons Meisterstück auch die Fondpassagiere die Ellenbogen auf die niedrige Karosseriebrüstung legen und bei geschlossenem Verdeck ungehindert nach draußen schauen.

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Denn wegen der zusätzlichen Seitenscheiben setzt das komplett neu geschnittene Verdeck nicht schon in Höhe der hinteren Türausschnitte an, sondern eben erst kurz vor den hinteren Radhäusern.

Weich gepolstert ist die Rücksitzbank, die zur Not auch drei Mitfahrern Platz bietet – und natürlich ist sie, wie auch die Vordersitze, nicht mit profanem Stoff bezogen, sondern mit allerfeinstem Leder, wie es auch Rolls-Royce verwendete.

Damals wie heute beginnt eine Ausfahrt im DS Palm Beach mit sanftem Heben der Karosserie. Während die Hochdruck-Zentralhydraulik das Fahrzeugniveau nach dem Motorstart stabilisiert, kann sich der einfache Vierzylinder im Bug zu einem stabilen Leerlauf zusammenrumpeln. Er muss in diesem Hightech-Umfeld trotz seines Leichtmetall-Zylinderkopfes als Anachronismus gelten, stammt er doch noch aus dem legendären DS-Vorgänger Traction Avant.

Seine 83 PS reißen keine Bäume aus und haben auch keine Chancen auf einen Pokal für überragende Laufkultur. Doch sie bringen das Cabriolet mit Würde auf Trab und finden Hightech-Unterstützung in dem halbautomatischen Vierganggetriebe. Das bedient der Fahrer mittels eines dünnen Hebelchens, das keck oberhalb des Bandtachos in die Windschutzscheibe ragt.

KOMFORT STATT SPORT
Beim Beschleunigen geht die DS hinten ein wenig in die Knie – wie es die Motorboote beim Ablegen im Yachthafen von Antibes gern tun; beim Bremsen hebt sich das Heck. Zwischen diesen ungewohnten Karosseriebewegungen ist das Rendezvous mit der Göttin ein erhaben-entspanntes Gleiten, das diverse leise Zischgeräusche der Zentralhydraulik untermalen.

So rauscht die offene Göttin leise und hochherrschaftlich durchs Land, teilt den Wind zärtlich flüsternd und liebkost die Straße mit ihren gerade einmal 165 Millimeter breiten Gürtelreifen. Ein Vergnügen für die Besatzung dieses Kleinods, dessen Wert heute definitiv und schmerzhaft sechsstellig ist. Und Erzählstoff für die Menschen am Wegesrand. Michael Harnischfeger

ANTRIEB
R4-Zylinder, wassergekühlt - 2-Ventiler, eine Nockenwelle - Hubraum: 1911 cm3 - 83 PS (61 kW) bei 4500 /min. - 142 Nm bei 3200 /min -  Viergang-Halbautomatik - Vorderradantrieb

AUFBAU UND FAHRWERK
Rahmen mit Längsprofilen - Karosserieteile aus Blech, GFK und Aluminium - Einzelradaufhängung rundum Hydropneumatische Federung mit Niveauausgleich rundum - Hydraulische Zweikreisbremse; Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten - Servolenkung

ECKDATEN
L/B/H: 4830/1790/1390 mm - Radstand: 3125 mm - Spur v./h.: 1500/1300 mm - Leergewicht: 1320 kg - Höchstgeschwindigkeit: 162 km/h - Debüt: 1962 - Stückzahl: 30 - Preis: rund 180 000 Euro

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