Wirtschaft: Aufschwung der britischen Autoindustrie Die Kronjuwelen

05.10.2013

Die Autoindustrie in Großbritannien schien dem Untergang geweiht. Doch in den letzten Jahren erlebt die Insel eine Renaissance – als Standort erfolgreicher Premiummarken

Großbritannien galt über Jahrzehnte als der kranke Mann unter den Autonationen Europas. Von den einstigen Massenmarken Morris und Austin erzählen nur noch die Geschichtsbücher. Und für MG Rover, den letzten Volumenhersteller in britischer Hand, fiel am 7. April 2005 der Vorhang. Nach dem Ausstieg von BMW war es den Engländern nicht gelungen, den Anschluss an die internationalen Wettbewerber zu halten. Mehr als 6000 Arbeiter verloren durch die Insolvenz ihren Job.

 

Britische Autoindustrie: Premium-Marken im Aufschwung

Auch Ford kehrt der Insel den Rücken zu. Dabei wird der Hersteller von den meisten Engländern als heimische Marke angesehen, da er schon seit 1911 in Großbritannien produziert. Doch im Juli 2013 rollte der letzte Ford Transit aus dem Werk in Southampton. Der Transporter wird nun in der Türkei gebaut, weil die Produktionskosten dort viel niedriger sind. Auch im Motorenwerk in Dagenham sollen die Lichter ausgehen.

Als letzter Volumenhersteller in Großbritannien bleibt nur noch die GM-Marke Vauxhall übrig. Aber auch diese ist schwer angeschlagen: 2002 wurde bereits die Autoproduktion in Luton beendet. Zehn Jahre später standen bei General Motors die Vauxhall-Fabrik in Ellesmere Port und das Opel-Werk in Bochum zur Diskussion. Am Ende bekamen die Briten den Zuschlag für die Astra-Produktion, Bochum wird geschlossen. Doch der Preis für die Engländer war hoch: Die Mitarbeiter mussten einer drastischen Lohnkürzung zustimmen.

Auch die ausländischen Hersteller, die sich in Großbritannien engagierten, konnten den Verfall der Autoindustrie nur bremsen. Anfang der 1990er-Jahre errichteten vor allem japanische Konzerne Fabriken auf der Insel, um von dort aus die europäischen Märkte zu erobern. So stammen etwa der Nissan Qashqai, der Honda Civic und der Toyota Avensis aus britischen Werken.

Zu besten Zeiten wurden fast eine Million Fahrzeuge von ausländischen Marken in England gefertigt. Doch die Japaner mussten schnell lernen, dass sich Großbritannien in vielen Dingen von Kontinentaleuropa unterscheidet – nicht nur, was die Währungen angeht. Heute produzieren sie lieber kostengünstiger in Osteuropa und der Türkei. 2012 verließen nur noch 785.681 Fahrzeuge ihre Werke auf der Insel.

Doch die lauten Nachrichten von Werksschließungen und Produktionsverlagerungen überdeckten eine leise Renaissance: Hinter den Dramen der Volumenhersteller feierten die kleinen aber feinen Premiummarken Erfolge. So stieg die Produktion von Jaguar, Bentley, Mini und Co. von lediglich 63.673 Fahrzeugen im Jahr 1998 auf satte 594.615 Autos in 2012 – was beinahe einer Verzehnfachung entspricht.

Der Aufstieg der Premiummarken gelang großteils unter der Ägide von ausländischen Konzernen. Löste der Verkauf von Rolls-Royce und Bentley an BMW und VW noch eine nationale Empörung aus, wurde die Übernahme von Jaguar und Land Rover durch den indischen Tata-Konzern von der britischen Presse wesentlich ruhiger kommentiert.

Unter dem Dach der Konzerne bekamen die britischen Traditionsmarken die notwendigen Investitionen, um ihre Fabriken zu modernisieren und neue, konkurrenzfähige Produkte zu entwickeln. Sie selbst brachten ihre weltweite Bekanntheit, ihr einzigartiges Image und ihre langen Traditionen mit ein – unabdingbare Voraussetzungen für den internationalen Erfolg einer Premiummarke. Und die hohen Löhne in Großbritannien? Sie fallen bei Premiumfahrzeugen viel weniger ins Gewicht wie bei Volumenmodellen. Zudem ließen die neuen Besitzer den Briten genügend Eigenständigkeit, um den jeweiligen Markenkern nicht zu beschädigen.

So antwortete ein Jaguar-Insider auf die Frage, was der Unterschied zwischen Tata und Vorbesitzer Ford sei: „Damals verließen 1000 Ford-Leute die Firma und zwei Inder kamen.“ Die Gewinne flossen nicht mehr in die Ford-Zentrale nach Detroit ab, sondern wurden direkt wieder investiert. So stellten Jaguar und Land Rover in den vergangenen zwei Jahren 8000 neue Mitarbeiter ein.

Besonders Range Rover entwickelt sich glänzend: 2012 erzielte die Marke einen neuen Verkaufsrekord in der 65-jährigen Unternehmensgeschichte – erstmals konnten über 300.000 Fahrzeuge abgesetzt werden. Großen Anteil daran hat der Range Rover Evoque: Das sportliche SUV erschloss völlig neue Käuferschichten.

Auch die Neupositionierung von Jaguar gelang unter der Führung von Tata: weg vom biederen Retrodesign, hin zu sportlichen Luxuswagen. Vorläufiger Höhepunkt ist die Einführung des neuen Sportwagens F-Type. Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab: So erzielte Jaguar 2012 mit 53.847 Verkäufen das beste Ergebnis seit vier Jahren. Insgesamt erwirtschafteten Jaguar und Land Rover im Geschäftsjahr 2012/13 einen Gewinn von fast zwei Milliarden Euro – ein Plus von elf Prozent.

Eine weitere Erfolgsgeschichte von der Insel trägt den Namen Mini. BMW hob die Marke 2001 aus der Konkursmasse von MG Rover aus der Taufe. Das fahrdynamische Retromobil eroberte in kurzer Zeit eine weltweite Fangemeinde. Geschickt spielten die Marketingstrategen aus München dabei mit der urbritischen Tradition des Kultmobils. Die ersten Erfolge führten dazu, dass die Produktpalette ständig erweitert wurde – aktuell gibt es sieben Baureihen. Mit diesem Modellangebot konnte Mini 2012 beim Absatz erstmals die Hürde von 300.000 Fahrzeugen überspringen.

Auch Rolls-Royce hat sich unter der Führung von BMW gut entwickelt, die Marke gehört seit 2003 vollständig zum Konzern. Nach der Übernahme errichteten die Münchner für die Luxusmarke in Goodwood eine neue Fabrik. 2010 debütierte der neue, „kleine“ Rolls-Royce Ghost auf Basis des BMW 7er. Dieser ließ die Verkaufszahlen steigen und bescherte rund 80 Prozent Neukunden. Insgesamt setzte Rolls-Royce im vergangenen Jahr 3575 Fahrzeuge ab. Markenchef Torsten Müller-Ötvos möchte bei den Verkaufszahlen aber im vierstelligen Bereich bleiben.

Im Gegensatz zu Bentley: Die einstige Partnermarke von Rolls-Royce hat sich im vorigen Jahrzehnt unter VW-Führung stark entwickelt, näherte sich 2012 bereits einem Absatz von 10.000 Fahrzeugen. Der Erfolg trägt vor allem einen Namen: Continental. Das sportliche Luxuscoupé und die 2005 präsentierte Limousine Continental Flying Spur konnten neue Käufer für Bentley gewinnen. Durch sie wurde die Marke zum weltweit größten Hersteller von Zwölfzylindermotoren. 2011 kehrte Bentley in die Gewinnzone zurück und schreibt seitdem schwarze Zahlen.

Aston Martin muss dagegen ohne großen Konzern im Rücken überleben. Das gelang den Briten unter der Führung von Ulrich Bez bisher erfolgreich. 2012 erzielte Aston Martin rund 81 Millionen Euro Gewinn. Auch die langfristige Zukunft des Unternehmens ist nun gesichert: Ulrich Bez vereinbarte eine Partnerschaft mit Daimler. Aston Martin bekommt von AMG V8-Motoren und Elektronikbauteile. Im Gegenzug erhält Daimler bis zu fünf Prozent Anteile an dem Sportwagenhersteller.

Auch McLaren, Großbritanniens jüngste Premiummarke, entwickelte sich gut: 2012 wurden 1400 Fahrzeuge produziert. Bereits in diesem Jahr möchte Firmenchef Ron Dennis schwarze Zahlen schreiben – wenn die Verkäufe durch den neuen 12C Spider und den Supersportler P1 anziehen. Die Investitionen waren enorm: Für die Straßensportwagen wurde ein 58 Millionen Euro teures Produktionszentrum in Surrey errichtet. Dass in Großbritannien noch einmal eine komplett neue Autofabrik eröffnet wird – wer hätte das von dem einst kranken Mann Europas gedacht?

Markus Bach

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