BMW Isetta, NSU Prinz und Goggomobil Coupe: Kleinwagen-Vergleich Drei Kurze fürs Volk

07.11.2013
Inhalt
  1. ISETTA: EIN FALTDACH, EINE TÜR, EIN ZYLINDER
  2. GLÜCK UND GLAS – WIE LEICHT FÄHRT DAS
  3. PRINZ OHNE PRUNK: BÜRGERTUM STATT ADEL

Sie waren mehr als nur Behelf: Goggomobil Coupe, BMW Isetta und NSU Prinz vereinten solide Technik und viel Platz für wenig Geld. Als Neuwagen machten sie die Massen mobil, als Oldtimer sorgen sie für Fahrspaß – und steigen zudem im Wert. Fahrbericht

Als die Deutschen vom Motorrad ins Auto umstiegen, gab es viele Firmen, die um die langsam zu Wohlstand gelangenden Arbeiter und Angestellten buhlten. Ein Volkswagen Käfer galt in den 50er-Jahren vielen als ein unbezahlbarer Traum. Doch es ging auch günstiger, viel günstiger. Teils aus Sperrholz und Pappe gefertigte Vehikel machten die Kopfsteinpflasterstraßen in Wirtschaftswunder-Deutschland unsicher. Sie hießen Fuldamobil oder Brütsch, nannten sich Kroboth, Econom Teddy, Champion, Gutbrod oder Wendax – oft waren es nur Behelfsmobile auf Rädern, teils mit abenteuerlicher Technik, mitunter nur wenige Male gebaut, wenig haltbar und heute fast vergessen.

Die drei Kleinwagen auf diesen Seiten sind aus anderem Holz geschnitzt, Verzeihung: aus anderem Blech geschweißt. Wer sich für Goggomobil, BMW Isetta oder gar NSU Prinz entscheiden konnte, der hatte schon ein paar Mark mehr auf der hohen Kante und bekam dafür durchaus haltbare Technik, die zuverlässig funktionierte. Wer heute in diese Parade-Vertreter einer ganzen Autogattung einsteigt, der ist verblüfft, mit wie wenig Technik man glücklicher Automobilist sein kann. Schon unser Vierer-Vergleich aus Heft 7/2013 mit Käfer, Renault 4 CV, Fiat 500 und Austin Mini hat gezeigt: Man braucht nicht viel Blech und keine tausend Schalter für Klima, Navi oder Parkassistent für die Spritztour ins Wochenende. In seinem Vergleich war der Fiat 500 der Wagen mit dem geringsten Raumangebot – in diesem Vergleich wäre der Turiner zusammen mit dem NSU Prinz einer der Großen.

 

ISETTA: EIN FALTDACH, EINE TÜR, EIN ZYLINDER

Fangen wir dort an, wo der Platz am geringsten ist: bei der BMW Isetta. Der Kabinenroller mit dem Propeller-Emblem ist eigentlich eine italienische Konstruktion, die BMW in Lizenz von ISO übernahm und mit einem eigenen Motorradmotor versah. Das Aggregat entstammte der BMW R25 und erfreute anfänglich mit 12, später gar mit 13 PS aus dann 298 Kubikzentimetern – so wie in unserer Isetta auf diesen Bildern. Der Viertaktmotor war für die BMW-Oberen Mitte der 50er-Jahre ein Muss für die Isetta, denn einen Zweitakter wollte man den Aufsteigern vom Motorrad nun wirklich nicht zumuten. Da hatten die Bayern ihren Stolz. Einmalig ist das Gefühl beim Einstieg in den Kugel-BMW. Die Tür schwingt auf, und man kann ohne große Verrenkungen von vorn ins Fahrzeug gehen. Bitte nicht am Lenkrad festhalten! Denn die geknickte Lenksäule hält die Tür in der Balance.

Zieht man am Volant, fällt die Tür sacht ins Schloss. Man muss sie dann nur noch  verriegeln und kann  eine grandiose Rundumsicht genießen. Die fehlende Front mag Traditionalisten pikieren, doch beim Einparken und Rangieren ist die Isetta grandios. Der luftgekühlte Motor im  Rücken des Fahrers vibriert kräftig und klingt recht dröhnig. Die hinteren Räder hoppeln mittig über jede Unebenheit, welche die Vorderräder auslassen.  „Schlaglochsuchgerät“ – der Volksmund brachte es spöttisch auf den Punkt. Hinzu kommen nickende Bewegungen durch den extrem kurzen Radstand. Höchstgeschwindigkeit? So etwa 85 km/h. Also nichts für die Autobahn. Schon bei ihrer Einführung 1957 galt die Isetta als etwas schmalbrüstig. Bis 1962 wurden dennoch 161.728 Stück gebaut. Ein großer Erfolg! Aber eine andere Firma aus Bayern, die Hans Glas GmbH in Dingolfing, verkaufte noch mehr. Viel mehr.

 

GLÜCK UND GLAS – WIE LEICHT FÄHRT DAS

Für das schicke Goggomobil Coupé zum Beispiel konnten sich von 1957 bis 1969 immerhin 66.522 Käufer erwärmen, zur Limousine griffen gar 214.313  Autofahrer. Das Coupé – TS genannt – weist zwei Türen, zwei Zylinder und vier Sitzplätze vor. Immer das Doppelte dessen, was die BMW Isetta aufzubieten vermochte. Und auch der Motor ist stärker: 20 PS bot das Spitzenmodell TS 400, mindestens 13,6 PS lagen beim kleinsten Motor an (TS 250).

Der kleine Zweitakter reißt ebenfalls keine Bäume aus, doch er werkelt deutlich ruhiger als der BMW-Motorradmotor. Der TS mit seinem positiven Radsturz hinten wie vorn vermittelt ein etwas schlingerndes Fahrgefühl. Er schwingt deutlich auf und nieder mit seiner Pendelachse, hinter welcher der Motor ruht. Das leichte Fahrzeug beschleunigt beherzt, doch geht ihm – ähnlich wie dem BMW – so um 80 km/h die Puste aus. Man sitzt tief im Coupé, sportlich geradezu. Dieser Wagen macht Spaß und erfreut mit einem liebevoll gestalteten Armaturenbrett. Die Dingolfinger wussten, wie das geht mit den Kleinwagen!

 

PRINZ OHNE PRUNK: BÜRGERTUM STATT ADEL

Zu den Bayern gesellt sich nun ein Baden-Württemberger: Der NSU Prinz. In Neckarsulm hatte man wie bei BMW auch die Motorradaufsteiger im Visier, als man 1958 mit dem Prinz einen recht stattlichen Kleinwagen auf die Räder stellte. Von 1958 bis 1962 gab es die Modelle Prinz 1 bis Prinz 3, die sich äußerlich praktisch nicht unterschieden. Ab 1962 folgte dann der Prinz 4, der mit umlaufender Karosseriesicke („Corvair-Linie“ genannt) ein schickes Design bot und bis 1973 im Programm blieb. Unser Prinz 3 bescheidet sich mit 23 PS, es gab aber auch eine stärkere Sport-Variante mit 30 PS. Die 23 Pferdchen unter der Heckklappe traben im Vergleich zu den rund 13 bei Isetta und Goggomobil deutlich kräftiger an: 110 km/h Höchstgeschwindigkeit geben dem kleinen NSU ein wenig Sicherheit, wenn er denn auf die Autobahn muss. Allerdings ist die Landstraße eher sein Revier.

Hier wedelt der Prinz zügig ums Eck. Und in der Stadt ist er sowieso der König: Keine Lücke zu klein, keine Straße zu eng. An der Ampel schwimmt er munter mit. Der Zweizylinder-Viertakter im Heck wird von einem vernehmlich pfeifenden Gebläse luftgekühlt. Wie das Goggo Coupé hat auch der NSU einen kommoden Innenraum mit freundlichem Armaturenbrett. Allen Kleinwagen gemein ist ein übersichtlicher Sitzkomfort mit kurzen Lehnen. Der BMW  mit seiner durchgehenden Sitzbank hat jedoch einen echten Macho-Vorteil: Man kann so schön mit der Beifahrerin kuscheln. Das geht am besten bei einer Sonntagsausfahrt, denn bei wenig Verkehr und viel Sonne bieten Isetta, Goggo und Prinz jede Menge Fahrspaß. 

NSU Prinz: Daten und Fakten
Antrieb
R2-Zylinder Viertakt, Luftkühlung; hinten quer eingebaut; 2-Ventiler; obenl. Nockenwelle (Antrieb über Schubstange mit Exzenter);
Gemischbildung: ein Bing-Fallstrom-Registerverg.; Bohrung x Hub: 75,0 x 66,0 mm; Hubraum: 583 cm3 ; Verd.: 7,5:1; Leistung: 17 kW/23 PS bei 4500/min; max. Drehmoment: 43 Nm bei 2850/min; Viergang-Getriebe; Handschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. 4-sitzige Ganzstahlkar. mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Trapez-Dreieckslenker; hinten: Pendelachse, Querlenker; v./h. Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer; Zahnstangenlenkung; Bremsen: v./h. Trommeln; Reifen: 4.40–12; Räder: 3,5 x 12
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 80 km/h in ca. 23 s; Höchstgeschwindigkeit: 110 km/h; Verbrauch: 5,2 l / 100 km
Eckdaten
L/B/H: 3145/1420/1370 mm; Radstand: 2000 mm; Spurw. v./h.: 1200/1200 mm; Leer-/ Gesamtgewicht: 510/840 kg; Tankinh.: 25 l; Bauzeit (Prinz 1 bis 3): 1958 bis 1962; Stückzahl (Prinz 1 bis 3): ca. 94.550; Preis (1960, Prinz 3): 3860 Mark
¹ Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2: 6400 Euro
Zustand 3: 3800 Euro
Zustand 4: 1700 Euro
Wertentwicklung: steigend

BMW Isetta: Daten und Fakten
Antrieb
1-Zylinder Viertakt, Luftkühlung; mittig eingebaut; 2-Ventiler; seitl. liegende Nockenwelle (Antrieb ü. Kette); Gemischbildung: einBing-Einschieber-Vergaser; Bohrung x Hub: 72,0 x 73,0 mm; Hubraum: 295 cm3 ; Verdichtung: 7,0:1; Leistung: 9,6 kW/13 PS bei 5200/min; maximales Drehm.: 18,6 Nm bei 4600/min; Viergang-Getr.; Handschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. 2,5-sitzige Ganzstahlkar. auf Stahlrohrrahmen m. Fronttür; Radaufh. v.: Schwingarme, Schraubenfedern; h.: Starrachse o. Diff. mit viertelellipt. Blattfedern; v./h. Stoßdämpfer; Spindellenkung; Bremsen: Trommeln; Reifen: 4.80–10; Räder: 3 x 10
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 70 km/h in ca 36 s; Höchstgeschwindigkeit: 85 km/h; Verbrauch: 3,9 l / 100 km
Eckdaten
L/B/H: 2280/1380/1300 mm; Radstand: 1500 mm; Spurweite v./h.:1200/520 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 340/600 kg; Tankinhalt: 13 l; Bauzeit: 1955 bis 1962; Stückzahl: 161.728; Preis (1956, Typ 300 Export): 3580 Mark
¹ Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2: 16.000 Euro
Zustand 3:    8400 Euro
Zustand 4:    4800 Euro
Wertentwicklung: steigend

GOGGOMOBIL Coupe: Daten und Fakten
Antrieb
R2-Zylinder Zweitakt, Luftkühlung; hinten quer eingebaut; Umkehrspülung; Gemischbildung (Benzin-Öl-Gemisch 1:25): ein Bing-Schrägdüsenvergaser; Bohrung x Hub: 53,0 x 56,0 mm; Hubraum: 245 cm3 ; Verdichtung: 6,0:1; Leistung: 10 kW/13,6 PS bei 5400/min; maximales Drehmoment: 20,6 Nm bei 4200/min; Viergang-Getriebe; Handschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. 4-sitzige Ganzstahlkar. auf Plattformrahmen verschraubt mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Schwingachse; hinten: Pendelachse m. Längslenkern; v./h. Schraubenfedern, Stoßd.; Zahnstangenl.; Bremsen: v./h.Trommeln; Reifen: 4.80–10; Räder: 3 x 10
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 9,0 s; Höchstgeschwindigkeit: 209 km/h
Eckdaten
L/B/H: 3035/1370/1230 mm; Radstand: 1800 mm; Spurw. v./h.: 1055/1045 mm; Leer-/Gesamtgew.: 440/720 kg; Tankinh.: 25 l; Bauzeit: 1955 (TS: 1957) bis 1969; Stückzahl: 214.313 (TS: 66.522); Preis (1957, TS 250): 3722 Mark
¹ Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2: 9.500 Euro
Zustand 3:    6500 Euro
Zustand 4:    2500 Euro
Wertentwicklung: steigend

Thorsten Elbrigmann

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