Faszination: Mit dem Klassiker BMW 503 Coupé in der Toskana Arrivederci Albrecht

30.11.2014

BMW 503 und 507 zählen zu den großen Würfen des Designers Albrecht Graf von Goertz – und beinahe brachen die V8-Modelle BMW das Genick. Eine Ausfahrt in der Toskana im 503 Coupé. Faszination

Schlechtes Gewissen. Man scheucht keinen Viertelmillion-Euro-Klassiker durch die Toskana, als sei es ein Nachsaison-Angebots-Mietwagen. Über den Hügeln zirpt die Lerche irgendwas von Puccini, Zitronenfalter taumeln in romantischer Verzückung durch die Kräuter, ein Trupp Säulenzypressen steht für den Katalog des toskanischen Tourismus-Verbandes stramm. Die eben noch so ungehobelt durch die Ausläufer des Appennin zuckende Straße wandelt sich einer Laune des örtlichen Straßenbauamts folgend gerade jetzt zum topfebenen, supergriffigen Renn-Layout: Lyrik in Asphalt, sehnsuchtsvoll in die Wiesen gefräste Kurven.

 

Faszination BMW 503 Coupé: Ausfahrt durch die Toskana

Wenn wir dem BMW 503 Coupé in diesem Leben wenigstens einmal die Chance geben wollen, einen 507 Roadster zu verblasen, dann jetzt: Zügel frei für alle 140 Pferde. Der 3,2-Liter-V8 legt sich mit furiosem Halali ins Zeug, die Nadel des Drehzahlmessers pendelt verstört zwischen 5000 und Feuerrot, hier oben war sie vermutlich schon das eine oder andere Jahrzehnt nicht mehr.

Ein paar Meter weiter vorne fegt ein schneeweißer BMW 507 immer höchstens eine Handbreit neben der Ideallinie dahin. Die langen, silbernen Wedel der Gräser am Straßenrand tanzen in der Fahrtwind-Wirbelschleppe, vollziehen eine glitzernde Verneigung und bäumen sich dann in der Druckwelle wieder auf. Das ist wunderschön anzusehen – und auch anzuhören.

Aus dem langen, abstehenden Auspuff des 507 grollt ein kerniger V8-Bass, dunkles Brodeln beim Anbremsen der Kurven, hartes Hämmern auf den Geraden, ständige Erinnerung an die souverän anschiebenden 150 PS des 507. Zehn PS weniger, knapp 200 Kilogramm mehr Gewicht – auf dem Papier hat unser  großes,  dunkelrotes 503 Coupé keine Chance gegen den kompakteren Roadster.

Und zugegeben: Der 503 ist bei weitem nicht so hinreißend erotisch wie sein zweisitziger Bruder, das weinrote Coupé wirkt im Vergleich regelrecht brav und gutbürgerlich. Eine aufrecht stehende, schmale BMW-Niere zwischen hervorstehenden Rundscheinwerfern; die Lufteinlässe links und rechts der Zusatzscheinwerfer machen auf Clark Gable-Schnauzbart. So sehen zartbesaitete Feingeister aus: elegant, adrett, ein Luxus-Coupé mit Einstecktuch.

Aber der Fahrer des 507 Roadster rechnet nicht mit unserem Angriff, er kennt den versteckten Groll nicht, den ein 503 gegen den glamourösen 507 hegen muss: Beide Fahrzeuge wurden Mitte der 1950er-Jahre vom inzwischen legendären Designer Albrecht Graf von Goertz gezeichnet. Während der 507 aber in einem wahren Durchmarsch zur Ikone des Münchener Automobilherstellers wurde, blieb dem Coupé ein undankbarer zweiter Platz. Selbst die süßlich geschwungenen Barockengel der 501/502-Baureihe erhielten oft mehr Aufmerksamkeit als der klar und modern gezeichnete 503.

Und immer wenn dann die Rede auf das Drama von 1959 kommt, demzufolge die hoffnungslos überteuerten Luxus-V8-Automobile der damaligen BMW-Modellpalette alle Schuld am Beinahe-Aus der Marke haben sollten, wird der 507 ganz selbstverständlich ausgenommen. Zeitlose Schönheit hier, Elvis Presley dort – das ärgert den 503 schon seit langem!

Dass der Roadster dann aber auch noch direkt bei BMW gefertigt wurde, er selbst aber „nur“ bei Baur im schwäbischen Ausland, schlägt dem Fass den Boden aus. Er will Genugtuung. Und zwar jetzt! Über alle vier Räder schiebend, quietscht das Coupé mit aller Macht hinter dem 507 her.

Nur hart am Gas bleiben. Die Ventile klackern, die Nockenwellen singen, die Kolben hämmern. Hinaus auf die Gerade, dann der entschlossene Schwenk aus dem Windschatten – nun liegen die Karten auf dem Tisch, jetzt könnte der Mann im Roadster ahnen, dass er in den nächsten Sekunden eingepackt werden soll.

Aber der 507-Fahrer badet in Heldensoße, ist geradezu paniert in strahlender Selbstverliebtheit, und natürlich rechnet er nicht mit dem Angriff des dunkelroten Coupés. Als der 503 geradezu apokalyptisch vor ihm einschert und sich dann eine mögliche Kaltverformung verachtend auf dem letzten Ächzen der Trommelbremsen in die nächste Kurve wirft, bleibt dem 507-Mann zuerst die Spucke weg. Dann steuert er beleidigt die nächste Parkbucht an – Sankt Christophorus sei Dank!

Im BMW 503 macht sich bereits tiefe Reue breit, denn für solche Fortbewegung ist das herrliche Coupé einfach nicht gedacht. Kaum auszudenken, wenn der Gran Turismo aus BMWs nervenzerfetzender Schicksals-Epoche im toskanischen Aus landen würde, eine Spur der Schmach in die Sangiovese-Rebstöcke ziehend.

Und natürlich hat uns das seidenweich gezeichnete Coupé auch schon seit längerem darauf hingewiesen, dass Grenzbereichs-Ekstase keineswegs zu seinen Kernkompetenzen gehört: Die fast 60 Jahre alten, hydraulisch betätigten Trommelbremsen ziehen zuerst überhaupt nicht, schicken den großen BMW dann aber mit plötzlichem, ungleichmäßigem Biss in so haarsträubende Seitwärts-Blockade-Drifts, dass die Diagonalreifen entsetzt wimmern.

Die Lenkung ist ebenfalls ein Kapitel für sich. Wer meint, ein BMW müsse durch knackiges Feedback, kompromisslose Präzision und einen kräftigen Händedruck glänzen, sieht sich im 503 alleine auf weiter Flur: Kompromisslos ist hier nur die völlige Abwesenheit jeglicher Rückmeldung, das spindeldürre Bakelit-Lenkrad lümmelt selbst bei zügiger Gangart geradezu aufreizend unbeteiligt von Links nach Rechts.

Rückstellkräfte bauen sich erst bei zunehmendem Lenkeinschlag auf – dann aber so deftig, dass einem nach Bergetappen der Bizeps qualmt. Spätestens mit dieser Feststellung verlassen wir den Halbstarken-Modus und gönnen dem Coupé eine angepasste Fahrweise.

Aufgrund fehlender B-Säulen und dank der für die 50er typischen großen Fensterflächen brandet viel Licht und bei geöffneten Seitenscheiben auch Luft ins großzügige, sinnlich eingerichtete Cockpit. Der V8 wummert nun warm und willig, wir dirigieren den 503 nur mit den Fingerspitzen entlang des Weges, genießen die federleicht klackende Schaltung des Viergang-Getriebes und den sämigen Durchzug.

Bald darauf huscht ein erboster 507 Roadster an uns vorüber – aber wir haben längst unseren Frieden mit der Welt gemacht. Das BMW 503 Coupé ist eine Momentaufnahme  der deutschen Automobilgeschichte. Damals abgehoben teuer, zum Untergang verurteilt – heute einfach harmonisch und schön. Nicht mehr, nicht weniger.

TECHNIK
 

BMW 503 Coupé
Antrieb V8-Zylinder, 2-Ventiler; Bohrung x Hub 82 x 75 mm; Verdichtung: 7,3 :1; Hubraum: 3168 cm3; Leistung: 103 kW/140 PS bei 4800 /min; max. Drehmoment: 216 Nm bei 3800 /min; Getriebe: 4-Gang, manuell; Hinterradantrieb
Aufbau+Fahrwerk Leichtmetallkarosserie auf Stahl-Kastenrahmen; Bremsen rundum: Trommeln, hydraul. betätigt; Reifen: 6,00 x 16; L/B/H: 47500/1710/1440 mm; Radstand: 2835 mm; Leergewicht: 1500 kg; Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 12,5 s; Höchstgeschw.: 190 km/h; Grundpreis: 31.500 D-Mark (1957)
Alle Angaben sind Werksangaben

Johannes Riegsinger

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