Faszination: Bentley Continental GT3-R mit 580 PS-V8 Der Zeitraffer

24.11.2015

Dies ist das kompromissloseste Straßenauto, das Bentley je gebaut hat. Die Zeitreise im Bentley Continental GT3-R beginnt in den Roaring Twenties.

Arrrrrrr. Vierliter-V8 im Angriffsmodus. Dumpf grollender Bass, wummernde Auspuffnote, kerniges Ausatmen, brodelndes Bollern beim Anbremsen. Ein schneeweißer Bentley Continental GT3-R huscht durch den endlosen Wald zwischen Hudson-River und Catskill-Mountains. New York, Empire State of Mind. Kleine Straßen, meistens geradeaus, dann aber wieder verschlungen und wellig. Und irgendwo zwischen Poughkeepsie und Napanoch meint man dann auch schon zu wissen, wofür das große R hinter „GT3“ steht: Rock ’n’ Roll! Nicht Racing! Denn der echte Continental-Renner macht gerade die GT3-Klasse Gunsicher, gewinnt FIA Blancpain-Rennen in Europa, kassiert Pirelli World Challenge Siege in den USA, kämpft bei internationalen Langstrecken-Rennen in der ersten Linie. Die Truppe um Motorsportchef Brian Gush hat den großen Bentley auf sagenhafte 1300 Kilogramm gestrippt, den 4,0-Liter-V8-Motor auf gute 600 PS getrieben. Die Botschaft ist klar: Wir können! Wenn wir wollen …

Mit dem GT3-R scheint Bentley allerdings ganz klar nicht gewollt zu haben, der Ableger des kompromisslosen GT3-Rennwagens ist keine Replika mit Straßenzulassung, sondern lediglich – so formuliert es das Bentley-Marketing stilvoll – „vom Rennsport inspiriert“: Grandiose Motorleistung, der eiskalte Look des Rennwagens, Kohlefaser-Elemente, so weit das Auge richt, bissige Keramik-Bremsen, gezielte Diät – und trotzdem ist aus dem GT3-R immer noch kein puristischer Sportwagen geworden. Sondern ein spektakulärer Entertainer. Wir fliegen für einen Erklärungsversuch mit dem Zeitraffer zurück in die 1920er-Jahre und treffen die Bentley-Boys! Jagdflieger, Rennfahrer, Erb-Millionäre. Söhne von Diamantenminen-Besitzern und Bankern. Die jungen Herren mit den pomadierten Schnauzbärten stürzen sich mit Feuereifer auf alles, was schnell und gefährlich ist. Woolf „Babe“ Barnato, Tim Birkin und die anderen rennen in Le Mans auf mächtigen Bentley Speed Six-Maschinen. Der dicke Barnato gewinnt bei drei Starts in Le Mans dreimal und prügelt seinen Bentley 1930 für eine 200-Pfund-Wette von Cannes nach London – vier Minuten schneller als der luxuriöse Schnellzug „Train Bleu“. Wenn das nicht Rennsport ist?

 

Continental GT3-R als kompromissloser Gran Turismo

1930 gibt Bentley die Rennerei mit erhellender Begründung auf: Man habe „genug über Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit gelernt“ – genau das ist es, um was es in diesen Zeiten im Motorsport geht. Rennstrecken waren öffentliche Straßen und damit grauenerregend schlecht. Ein Sportwagen der Roaring Twenties musste also haltbar, komfortabel und schnell sein. Mit diesen Gedanken sitzen wir 85 Jahre später am Steuer des Continental GT3-R, und dann verstehen wir: Ein sportlicher Bentley muss nicht vorrangig Ideallinien-ausgehfein sein, sondern einfach nur sauschnell, irgendwie auch auf der normalen Straße gut zu haben und endlos unterhaltsam. Rock ’n’ Roll eben. Anmerkung: Man hätte dem GT3-R auch die W12-Maschine spendieren können, aber der große Zwölfzylinder ist zu schwer auf der Vorderachse. Das ist schlecht für die Balance und auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Kleine Spekulation am Rande: Haben Sie schon mal den W12 gehört? Dann eine Klangprobe des V8 genommen? Jetzt alles klar? Also der Biturbo-V8: erdacht bei Audi, verfeinert bei Bentley und nun radikalisiert im Bootcamp der Bentley-Motorsport-Abteilung. 580 PS hustet der Vierliter-Motor aus, er tut das mit nebensächlicher Souveränität.

Und spätestens wenn die Turbolader knapp über Standgas unerbittlich zupacken, fragt niemand mehr nach dem Zwölfzylinder. Zusammen mit der spürbar gekürzten Antriebsübersetzung ermöglicht das immense Leistungspotenzial dem mächtigen Wagen einen schockierenden Antritt aus dem Stand. Der Motor knüppelt bestialisch durch die Drehzahlmitte und klingt dabei trocken hämmernd wie eine Einladung zur Party im Fegefeuer. Bei voll durchgetretenem Gaspedal erreicht der Continental GT3-R für 15 Sekunden per Overboost sogar über 600 PS. Wenn die Turbos dann Dampf ablassen, ist der nachlassende Schub richtig spürbar. Bei immer noch 580 PS … Toller Dragster also. Dass die souveräne Coolness des Basis-Continental hier ein wenig auf der Strecke bleibt, der GT3-R mit dem ständig auf höchster Stufe köchelnden Antrieb fast ein wenig überdreht wirkt, mag sogar schieres Kalkül sein: Wenn auch der Bentley Continental GT3-R ein so gelassener Langstrecken-Flieger wäre, nähme das dem schneeweißen Brenner die verwegene Spitze.

Über eine andere Nebenerscheinung der kurzen  Sprint-Übersetzung ärgern wir uns da schon eher: „Nur“ 273 km/h Spitze? – Kommt schon, ihr Bentley-Boys! Auf dem Rückweg, vermutlich so auf Höhe von Sleepy Hollow, dämmert uns die Erkenntnis: Mit dem auf 300 Stück limitierten GT3-R hat Bentley einfach ein Stück großartiges Automobil-Kino geschaffen, einen Blockbuster mit genialen Sound-Effekten, reichlich Action und viel Nervenkitzel. Während man bei Rennwagen an das Kampfgewicht geht, um 100stel-Sekunden zu schinden, muss die große Frühjahrs-Diät des Continental GT3-R unter einem ganz anderen Motto gestanden haben: mentale Bikini-Figur, sich straff, jung und gefährlich fühlen – den Ironman dürfen gern andere gewinnen. Und so geht das: Fondsitzbank raus (man nimmt für Fahrten mit der Familie eh einen der anderen Bentley aus der Garage), Leichtbau-Schmiedefelgen anprobieren (sehen ja auch spitze aus), Titan-Auspuffanlage statt schnödem Stahl (Oskar für die Rolle des besten Nebendarstellers: der SOUND!), Schalldämm-Materialien raus (für den gewissen Schuss an gefühlter Räudigkeit). Macht brutto 100 Kilogramm Abspeck-Potenzial zum Basis-Continental GT V8 S – aber wie gesagt: Angesichts des immer noch verbliebenen Rest-Leergewichts von 2,2 Tonnen ist das netto völlig egal.

Tuning: Aufgebrezelter Continental von Lexani Wheels

Und natürlich haben wir großes Verständnis für Bentley-Kunden, die den Allradantrieb des Continental schätzen. Die gern über handschuhweiches Leder streichen, statt in die gäh-nende Leere einer ausgeräumten Karosserie zu starren. Die Klimaanlage und Radio mögen. Denen der Komfort einer sämigen Wandler-Automatik allemal lieber ist als das brutale Durchreißen der Gänge mit einem sequenziellen Renngetriebe. Es gibt diesen einen, herrlichen Moment in einem GT3-R, der alles erklärt: Mit dem spürbar härter gedrehten Fahrwerk wird der Riesenbrocken auf kurvigen, glatten Straßen plötzlich ganz verspielt und geschmeidig, die Pfunde scheinen nur so von ihm abzutropfen. Dass dieser muskelbepackte Riese so tanzen kann, ist die eigentliche Leistung der Entwickler. Weil es einfach Freude macht.

Johannes Riegsinger

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