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Bentley Continental Flying Spur

Englischer Rasen

Zwölf Monate nach dem Continental GT Coupé stellt Bentley mit dem Continental Flying Spur jetzt die schnellste viertgrößte Limousine in seiner Firmengeschichte vor

Eckdaten
PS-kW559 PS (411 kW)
AntriebAllradantrieb, permanent, 6 Gang Automatik
0-100 km/h5.20 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit312 km/h
Preis167.504,00 €

Aha, ein Bentley. Ich weiß, was Sie jetzt denken. So ein Motorjournalisten-Job ist ein feines Pöstchen. Kaum kräht der Hahn auf dem Mist, hüpft der gemeine Auto-Autor aus dem Bett, nippt nur kurz am Morgenkaffee, um sogleich das meterlange Schlüsselbrett abzuschreiten. Dort hängen sie in dichten Trauben von der Wand, die Fahrtberechtigungssysteme und Zündnägel für allerlei Duesenbergs, Hispano Suizas, für etliche Maybachs und ungezählte Supersportwagen. Goutieren wir heute das 1948er-Delahaye Coupé oder doch lieber den 1965er-Iso Rivolta GT?

Die Entbehrung kennt so viele Namen. Soweit die Theorie. Wir wollen ehrlich sein: In der Tat bringt die Profession den einen oder anderen automobilen Höhepunkt mit sich. Bentleys zum Beispiel. Im Jahr 1919 von dem studierten Eisenbahn-Ingenieur Walter Owen Bentley gegründet und 1931 vom Konkurrenten Rolls-Royce übernommen, galt die Marke quasi als Sport-Rolls-Royce, die auf den Selbstfahrer abzielte. Bentley fahren hieß und heißt noch immer, die Kraft und den Luxus zu spüren. Als 1998 der VW-Konzern zugriff, stieg in England der Blutdruck. Das strahlendste Renommierunternehmen des vereinigten Königreichs in deutscher Hand? Wäre der Buckingham Palace der Stiftung Preußischer Kulturbesitz anheim gefallen, hätte die Aufregung kaum größer sein können. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt, denn Bentley entwickelt sich prächtig. Besonders das im Herbst 2002 vorgestellte Coupé Continental GT verkauft sich bestens.

Jetzt stößt das viertürige, um 50 Zentimeter auf knapp 5,30 Meter verlängerte Limousinen-Pendant hinzu und soll all jene überzeugen, die auf formidable Weise unterwegs sein wollen. Will heißen, der Continental Flying Spur (fliegender Sporn) ist Dreierlei: Repräsentationsgerät, Sportwagen und Luxus-Salon. Schon das erste Date mit dem frisch angelieferten Großkaliber wird mir in bester Erinnerung bleiben. Ein sympathisches Gefährt, denke ich, stehe bequem und atme wieder normal. Immerhin parkt dort der Gegenwert einer passablen Eigentumswohnung, und außerdem gibt es staatstragende Karossen zuhauf, die einen unbewusst in die Hab-Acht-Stellung treiben. Ich beschließe, den Continental nur Conti zu nennen und taste seine schnörkellose Karosserie mit den Augen ab. Von Bombast keine Spur.

Ausgehend vom vergitterten Traditionsgrill über die von einer scharfen Kante flankierte Seitenlinie bis hin zum glattflächigen Heck strahlt alles jene kühle Ästhetik aus, die auch ein anderer Konzern-Kollege verspieltem Operetten-Design entgegensetzt: der VW Phaeton. Der ungewöhnlichste VW aller Zeiten steht dem Conti technisch sehr nah. Verschiedene Bedienelemente im Cockpit verraten die enge Verwandtschaft, die unter dem Blech noch viel deutlicher wird. Der permanente Allradantrieb, das Fahrwerk und sogar der Motor sind Teil der deutsch-britischen Freundschaft. In beiden Fällen geht ein 6,0 Liter großer W12-Zylinder zu Werke.

Im VW mit 450 PS; im Bentley erstarkt das Triebwerk dank zweier Turbolader sogar auf 560 PS. Es zieht mich magisch nach hinten, am Lenkrad drehen kann man schließlich jeden Tag. Ganz vorzügliche, elektrisch vielfach einstellbare Rücksitze warten im Fond auf Fahrgäste. Die blicken dankbar auf die hochglanzvertäfelte Fahrer-Zentrale, in der da und dort mattiertes Leichtmetall schimmert. Sind die Lüftungsdüsen eigentlich massiv oder ist es Talmi?

Es hilft nichts, ich muss nach vorn. Der Bentley ist eben ein Auto, das angefasst werden will, auch wenn auf Automessen immer ein Schild steht, das genau das verbietet – wegen der Flecken. Blödsinn eigentlich. Der Ruf einer Luxusmarke lebt schließlich davon, dass alle die Güte des Produkts spüren können. Autohersteller aufgepasst: Mehret den Nimbus eurer Marke – lasst die Schilder weg! Ja, die Düsen sind echt, die Zughebel für die Luftzufuhr auch, und der Startknopf ist es sowieso. Mit einem Fauchen wacht der Zwölfzylinder auf, mimt aber nach erreichter Betriebstemperatur den Unauffälligen. Raus aus der Stadt. Die Luftfederung hält die Härten allmählich verrottender Ausfallstraßen von mir fern. Eine Ampel noch, dann kann die schnellste Limousine der Welt ihrem Ruf gerecht werden, denke ich mir, als ein wohlmotorisiertes Luxus-Coupé älteren Datums längsseits kommt.

Am Lenkrad hockt ein grimmig wirkender Mensch. Sein schwerer Kopf dreht sich langsam zu mir herüber. Wässrige Augen senden mir einen abschätzigen Blick, der jedem Vergleich mit Marlon Brandos Aufritt in Der Pate standhalten würde. Sein Wagen nickt kurz mit dem Heck. Aha, die Automatik steht auf D und sein Fuß auf der Bremse. Dann geben die rot-gelb-grünen Startlampen das Zeichen. War ein verdammt schickes Auto damals, denke ich mir beim Blick in den Rückspiegel, in dem Brandos Luxus-Gefährt immer kleiner wird. Sein Mercedes 560 SEC hatte nicht den Hauch einer Chance. Die beiden Borg-Warner-Turbolader des Flying Spur erzeugen enormen Druck. Schon bei 1600 Touren stehen phänomenale 650 Newtonmeter Drehmoment zur Verfügung.

Alle Bentley müssen in der Lage sein, auf Befehl zu schmeicheln oder zu powern, sagt Bentley über Bentley. Ob man tatsächlich jemals mit 312 km/h über die Piste jagt, ist dabei eine rein theoretische Frage und mir ehrlich gesagt egal. Die volle Kraft aus dem Keller aber ist ein Genuss. Bevor einem so viel Gutes widerfährt, heißt es allerdings, einen verständnisvollen Banker zu finden. Exakt 167504 Euro sind zu entrichten. Wenn am Neujahrsmorgen 2007 wieder der Hahn auf dem Mist kräht, werden dank Mehrwersteuererhöhung genau 4332 Euro hinzukommen, die da symbolisch am Schlüsselbrett hängen. Mal eben so.

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Bentley Continental Flying Spur

PS/KW 559/411

0-100 km/h in 5.20s

Allradantrieb, permanent, 6 Gang Automatik

Spitze 312 km/h

Preis 167.504,00 €