Autodesign: Seat-Designchef Luc Donckerwolke im Portrait Im Portrait: Luc Donckerwolke

16.09.2010

Seat-Designchef Luc Donckerwolke ist ein Weltbürger. Er wuchs in Afrika auf, spricht sieben Sprachen und hat eine Schwäche für Comics

Stippvisite in Brüssel. Hier in der belgischen Hauptstadt, wo tausende gut dotierter Bürokratenposten geschaffen wurden, um Europa zu verwalten, befindet sich die gefühlte Heimat eines außergewöhnlichen Automobildesigners.

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Gefühlt deshalb, weil der Belgier, der seit dem Jahr 2005 die Formensprache von Seat verantwortet, nicht in Brüssel geboren ist und auch sonst nirgends auf diesem Planeten dauerhaft Wurzeln geschlagen hat. Luc Donckerwolke gehört zur Kategorie der echten Weltbürger.

Die falschen verbringen ihr Leben in Flugzeugen und verwechseln mit Statusmeilen dotiertes Industrienomadentum mit Weltkenntnis. Geboren 1965 in der peruanischen Hauptstadt Lima, zog der Sohn eines belgischen Diplomaten beinahe im Jahrestakt von Land zu Land: Peru, Burundi, Ruanda, Panama, Bolivien, Togo, Guinea-Bissau. Donckerwolke hatte schon viele Wahlheimaten. „Ich war ein Junge in Afrika“, beschreibt er die Zeit, in der er als Dreijähriger lieber mit seiner Lieblingsschlange spielte als mit Lego und als Heranwachsender den geladenen Drilling kühn auf Warzenschweine anlegte.

COMICS ALS LEIDENSCHAFT

Luc Donckerwolke spricht sieben Sprachen fließend, darunter auch Suaheli. „Meine Heimat kannte ich nur aus Comics“, sagt der  autobegeisterte Belgier. „Wann immer wir nach Brüssel kamen, habe ich mir noch am Flughafen die neuesten Ausgaben von Michel Vaillant besorgt.“ Die vom französisch-belgischen Zeichner Jean Graton im Jahr 1957 geschaffene Comic-Figur wurde mit der Zeit
quasi zum Alter Ego des kleinen Luc.

Gratons fiktiver Rennfahrer Vaillant fährt für das Werksteam der ebenso fiktiven gleichnamigen elterlichen Autofabrik und liefert sich auf bekannten Rennstrecken harte Gefechte mit finsteren Gegenspielern und echten zeitgenössischen Motorsport-Idolen. Stets kämpft er für das Gute – bislang 70 Bände und dutzende Kurzgeschichten lang. „Seine Abenteuer haben mich fasziniert“, sagt Donckerwolke. Vor dem geistigen Auge entsteht das Bild eines kleinen Jungen in kurzen Hosen, der auf einer staubigen Mauer in La Paz hockt und von Comic-Boldien träumt. Dieser kleine Junge sollte später als Chefdesigner von Lamborghini die Supersportwagen Murciélago und Gallardo entwerfen.

KULTURSCHOCK IN BRÜSSEL
Mit 18 Jahren zog Donckerwolke nach Belgien. Ein Kulturschock. „Ich bekam Kopfschmerzen in der Stadt“, sagt er, der zuvor mit seiner Enduro durch das Hügelland Kigalis geknattert war. Die Freiheit der afrikanischen Piste mündete an der Schwelle zum  Erwachsenwerden in der frankoflämischen Metropole mit Einkaufszentren und Tiefgaragen. Crocodile Dundee in Brüssel? „In gewisser Weise ja. Alles war fremd, laut und eng.“ Donckerwolke studierte in Brüssel. Eines Tages stand er vor einem Haus in der Chaussée de Waterloo. Es war das Zeichenstudio von Jean Graton, dem Schöpfer der irrealen Welt des Michel Vaillant, die für den Jungen aus Afrika beinahe die wirkliche war.

Graton erkannte das Zeichentalent des jungen Studiosus sofort. Fortan entwarf Luc Donckerwolke phantastische Rennwagen für den alten Graton und dessen Sohn Philippe, der die Geschichte bis heute weitererzählt. Später, als prominenter Autodesigner, sollte Donckerwolke selbst ein Protagonist in den Michel Vaillant-Abenteuern werden – wie zuvor schon sein berühmter Landsmann Jacky Ickx und andere Rennsport-Legenden. Wenn der Seat-Chefdesigner ein Problem hat, dann setzt er sich ins Auto, fährt und denkt nach. Barcelona – Wolfsburg? Ein Klacks. Kilometerfressen statt Brainstorming mit Flipchart und Bürokaffee. Wozu die Strapaze? „Ich brauche die Weite – so wie früher in der Savanne, wo ich mit dem Motorrad am Tag locker 100 Kilometer gefahren bin.“ Freiheit macht kreativ. Während der Anfangszeit bei Lamborghini ist Donckerwolke viel gefahren. „Früher haben Designer dort einen Job gemacht, ihre Rechnung geschrieben und waren wieder weg.

Plötzlich aber kam da ein Neuer aus Ingolstadt und wollte bleiben“, beschreibt er die frühere Situation in Sant’Agata, wo traditionell die Techniker das Sagen hatten und Designer bestenfalls geduldet wurden. „Aber ich bin ja selbst ein Motor-Fanatiker.“ Schließlich waren die Italiener von seinen Entwürfen begeistert. Macht es nicht mehr Spaß, einen Lambo zu zeichnen als einen Seat? „Nein, denn der kreative Prozess ist der gleiche. Ein Lamborghini verzeiht niemals, wenn der Designer keine Emotion erzeugt hat. Sie macht vielleicht 90 Prozent aus. Seat hingegen spricht vor allem junge Käufer an, die zusätzlich einen hohen Nutzwert erwarten. Eine doppelte Herausforderung.“

VOM ENT- UND VERWERFEN
Donckerwolke will seine Autos nicht ver- sondern einkleiden: „Ich möchte den sprichwörtlichen Little Black Dress machen, der den Motor und das Chassis betont. Die Proportionen sind dabei besonders wichtig. Alle Details und Linien müssen Respekt voreinander haben.“ Übertriebenes Styling lehnt er ab, nennt es Overkill- Design. „Ein schönes Auto hat immer ein Designelement zu wenig. Es lebt vom Minimalismus.“ Donckerwolke ist rastlos und selbst sein härtester Kritiker – ein Advocatus Diaboli in Sachen Design, der alles in Frage stellt.

Wenn es hakt, setzt er sich ins Auto, fährt die Nacht durch und kommt im Morgengrauen mit einer Lösung ins Büro. Wenn man den Belgier fragt, welche Persönlichkeit ihn in seinem Leben stark beeindruckt hat, fällt ein Name, auf den man selbst hätte kommen können, weil es Parallelen gibt: Sir Peter Ustinov. Autonarr, Weltbürger, Sprachgenie, ewig neugierig, mal Nero, mal Hercules Poirot. Imperator oder Meisterdetektiv war Luc Donckerwolke bislang zwar noch nicht, dafür aber stets ein bisschen Michel Vaillant – und auf jeden Fall ein Junge in Afrika.

VITA
Luc Donckerwolke wurde 1965 in Lima (Peru) geboren. Seine Jugend verbrachte der Diplomatensohn in Afrika. Er studierte Industrial Engineering in Brüssel und Transportation Design an der Vevey Universität (Schweiz). Nach Stationen bei Peugeot und Audi kam er 1994 zu Skoda und leitete von 1998 bis 2005 das Design von Lamborghini. Seitdem ist er Designchef von Seat.

SEHEN, ERLEBEN, SCHAFFEN
„Man erlebt nicht das, was man erlebt, sondern wie man es erlebt“, schrieb der deutsche Erzähler Wilhelm Raabe. Intensives Erleben ist für kreative Köpfe eine Ideenquelle und bildet neben handwerklichem Geschick quasi die Datenbasis für Designerarbeit. Luc Donckerwolke reist geradezu unentwegt in der Welt umher, um Eindrücke einzufangen. Prägend waren seine jungen Jahre in Afrika und der berufliche Aufstieg im Weltkonzern Neue im VW-Konzern. Donckerwolke sammelt Modellautos und Uhren, liebt Rennwagen und Oldtimer- Rallyes. Fremde Kulturen und Sprachen faszinieren ihn. Er hat neben den Audi-Modellen A4 Avant, A2 und R8 Le Mans nahezu alle Lamborghini der Neuzeit sowie die Seat-Studien Tribu und Bocanegra und die Serienmodelle Altea Freetrack und Ibiza entworfen.

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