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Vergleich: Mercedes C 111 vs. Mercedes-AMG GT S - alt gegen neu

Zurück in die Siebziger

Was wäre, wenn der Mercedes-AMG GT S 
genug Power für einen Zeitsprung hätte? Dann 
könnte er seinen Urahn C111 treffen. Wir haben 
ein bisschen nachgeholfen und die faszinierende Begegnung Wirklichkeit werden lassen

Eigentlich fehlen nur noch die brennenden Reifenspuren. Dann wäre die Illusion an 
diesem Tag perfekt: Regie-Legende Robert Zemeckis ist noch einmal über seinen Schatten gesprungen und dreht endlich die ersehnte Fortsetzung von „Zurück in die Zukunft“. Die Story geht ungefähr so: Marty McFly ist 30 Jahre nach seinem Filmdebüt und dem ersten Zeitsprung von DeLorean auf Mercedes umgestiegen. Von seinem Kumpel Doc Brown hat er sich den neuen AMG GT S geschnappt.Der schlägt mit seinem 510 PS starken Biturbo-V8 auch ohne Fluxkompensator der Zeit ein Schnippchen. 3,8 Sekunden von null auf 100 Tempo, 310 km/h Spitze – das sollte genügen, um sich locker ins Jahr 1970 zu katapultieren.

Vergleich: Mercedes C111 vs. Mercedes-AMG GT S

Und auf wen trifft er da? Auf seinen Vater, pardon, Urahn. Der heißt Mercedes C111 und trägt ein für seine Zeit unfassbar avantgardistisches Design: extreme Keilform mit spektakulären Luftaustritten in der Front, Lufteinlässen an den Seiten und elektrisierenden Streben vom Dach bis zum Heck. Das Ganze in leuchtendem Orange beziehungsweise Weißherbst, wie die Farbe offiziell heißt. Und natürlich hat dieser Flachmann im Gegensatz zum GT S noch Flügeltüren. Die waren in den 70ern 
ein Muss, wenn ein Auto richtig spektakulär aussehen sollte. Abgesehen davon waren sie auch eine konstruktive Notwendigkeit, denn die beiden Tanks in den Seitenschwellern machten den Einbau normaler Türen unmöglich.

„Sollen wir mal tauschen?“, fragt McFly den Mann am Steuer des C111. „Warum nicht“, entgegnet der. Und so staunt der Zeitreisende nicht schlecht. Gerade saß er noch im Hightech-Cockpit seines AMG hinter dem Multifunktionslenkrad und surfte mit der rechten Hand lässig per Touchpad durch die Weiten des Multimediasystems. Aber jetzt hat er diesen riesigen Kranz mit vier Speichen vor und ein nostalgisches Radio namens Becker Grand Prix schräg neben sich, das obendrein auch noch senkrecht eingebaut ist. Außen hui, aber innen so bodenständig wie ein W109. Kein Wunder, die Schalter und 
Bedienelemente stammen weitgehend aus dem Mercedes-Regal der 60er. Immerhin: Der C111 
hat eine Klimaanlage. Die gehörte zum Erprobungsprogramm, das die Ingenieure damals mit dem Versuchsträger fuhren, genau wie die Glasfaserkarosserie und der Wankelmotor, der in anderen Exemplaren der nur zwölf Fahrzeuge umfassenden Serie verbaut war.

Vier Fahrer stellten 16 Weltrekorde im Mercedes C111 auf

Bekannt wurde der C111 aber durch sein außergewöhnliches Design, das bei Fans der Marke Hoffnung auf einen 300 SL-Nachfolger weckte. Doch es kam bekanntlich nie zur Serienfertigung. 
Immerhin sammelte der Schwabe fleißig Rekorde: Insgesamt 
16 Weltbestleistungen stellten 
vier Fahrer in 60 Stunden auf, 
davon galten 13 für Dieselfahrzeuge und drei für Automobile 
aller Motorisierungen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit einer 
rasanten Versuchsfahrt mit dem C111-IID im italienischen Nardo lag bei 252 km/h – und Mercedes bewies, dass auch der Diesel sprinten kann.

Der C111, den Marty McFly in unserer fiktiven Zurück-in-die-
Zukunft-Fortsetzung fährt, ist allerdings ein ganz braver. Kein Wankel werkelt hinten im Heck, auch kein Rekord-Diesel, sondern ein handelsüblicher 3,5-Liter-V8, wie er damals in den großen Limousinen mit Stern zu finden war. Der Grund: Mercedes hatte seinerzeit einen C111 mit diesem Motor ausgestattet, um Vergleiche mit dem kapriziösen Wankel fahren zu können.

Erst vor Kurzem wurde der Prototypen-Oldtimer wieder ans Laufen gebracht, diesmal jedoch nicht für Versuchszwecke, sondern als Markenbotschafter im Rahmen von Lifestyle-Auftritten bei Modenschauen und Festivals. So brabbelt der V8 zwar wohlklingend vor sich hin, während McFly damit eine kleine Runde dreht. Aber von brachialer Fahrdynamik, wie sie der Vierscheiben-Wankel einst bot (4,8 Sekunden von null auf 100 km/h, 300 km/h Spitze), ist nichts zu spüren. 200 PS reichen allenfalls für zügiges Reisen im Stil eines Gran Turismo alter Schule. Und wenn der Fahrer den Eindruck hat, die Straße vor ihm würde zu flimmern beginnen, dann liegt das nicht am bevorstehenden Zeitsprung, sondern an der heißen Abluft, die aus den zwei Öffnungen in der vorderen Haube Richtung Frontscheibe strömt.

Der Mercedes-AMG GT S überzeugt im Test

Die überirdische Beschleunigungsorgie bleibt in diesem Vergleich logischerweise dem AMG GT S vorbehalten. Erst kürzlich durfte der Wagen auf der Nordschleife zeigen, was er kann. Dabei hämmerte Kollege Horst von Saurma bei seinem Supertest eine Fabelzeit von 7:35 min in den Asphalt. Ein anderer GT S absolvierte den Standardsprint von null auf 100 km/h 
auf dem Testparcours 
der AUTO ZEITUNG per Launch Control in sagenhaften 3,3 Sekunden – eine halbe Sekunde schneller als die Werksangabe. Nach insgesamt 10,8 Sekunden wies die Geschwindigkeitsanzeige bereits ein Tempo von 200 km/h aus. Werte, die nicht nur die Leistungsfähigkeit des Motors ausdrücken, sondern auch für das aus dem SLS bekannte Doppelkupplungsgetriebe sprechen, mit dem die Gangwechsel im GT S extrem schnell und ruckfrei vonstatten gehen. So schneidet der Mercedes-AMG GT S gegen Lamborghini Huracan, McLaren 650 S und Porsche 911 Turbo ab: Vergleichstest.

Derweil blickt der Fahrer voll konzentriert und mit Glückshormonen überschüttet durch die steil stehende Frontscheibe über die weit nach vorn ragende Motorhaube und denkt: Wahnsinn. Was heute zutiefst beeindruckt, hätte im 
Jahr 1970 wohl jeden normalen Menschen um den Verstand 
gebracht. Eigentlich müsste Zemecki mit diesen Autos wirklich noch einen Film drehen.  Von uns bekäme er dafür einen Oscar.

Gerrit Reichel