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Mercedes-AMG GT S vs. Porsche 911 Turbo

Die Runde der Wahrheit

Mit dem neuen, 510 PS starken GT S will Mercedes-AMG den Porsche 911 Turbo mit 520 PS vom Sportwagenthron stoßen. Die Zeit ist reif für das erste Aufeinandertreffen

Mercedes-AMG GT S gegen Porsche 911 Turbo: Das ist der Vergleichstest des Jahres. Der Athlet aus Affalterbach soll die deutsche Sportwagenikone aus der Nachbarschaft entzaubern. Dass sich daran schon andere die Zähne ausgebissen haben, stört AMG nicht. Die schwäbische Manufaktur tritt beeindruckend selbstbewusst auf. Bereits in der Werbung, in der ein kleiner Junge nachts schweißgebadet aufwacht, weil in seinem Traum ein 911 von einem AMG GT kompromisslos überholt wird, heißt es: „Das Auto, von dem Sie schon als Kind geträumt haben, wurde soeben überholt!“ Nicht nur für den kleinen Jungen in der Werbung, sondern für ganze Generationen deutscher Sportwagenfans also ein wahrer Alptraum? Wir werden sehen … Die Strecke ist frei, der AMG GT S muss als Herausforderer vorlegen. Auch wenn der GT S teilweise auf der Technik des SLS basiert, hat er dennoch ein völlig anderes Wesen. Das fängt bei der unglaublichen mechanischen Traktion der Hinterachse an. Dort, wo der SLS giftig mit den Hinterrädern aus der Spur drückte, klebt der GT auf der Linie. Die dank Front-Mittelmotor und dem an der Hinterachse eingebauten Getriebe gelungene Gewichtsverteilung, das elektronisch gesteuerte Sperrdifferenzial und die aktiven Motorlager des AMG-Dynamic-Plus-Pakets, das auch eine straffere Feder-/Dämpferabstimmung und einen deutlich negativeren Sturz an der Vorderachse beinhaltet, zeigen ihre Wirkung.

Zwei süddeutsche Sportler mischen die Athleten-Riege auf

Messerscharf lässt sich der AMG von einer Kurve in die nächste dirigieren, nimmt dabei enorm viel Geschwindigkeit mit und baut irrsinnige Querbeschleunigungen auf. Die Lenkung ist frei von Hektik, aber dennoch punktgenau. Beim Ritt am Limit zeigt der GT S zudem einen fein fühlbaren, mühelos zu kontrollierbaren Übergang in den Grenzbereich. Gekonnt fällt die Abstimmung des ESP aus. Vor allem im Race-Modus erlaubt die Regelung die volle Fahrfreude und bleibt dennoch im Hintergrund hellwach. Der Mercedes-AMG ist derzeit definitiv einer der agilsten und spurstabilsten Hecktriebler. Die Rundenzeit von 1:34.9 Minuten auf dem Handlingkurs des Contidroms ist definitiv eine Ansage an den 911 Turbo. Der Porsche 911 Turbo ist mit dem optionalen Sport-Chrono-Paket ausgestattet, das die aktiven Lager von Motor und Getriebe sowie Allradantrieb, Fahrwerk, Allradlenkung sowie die aktive Aerodynamik auf Performance trimmt und dem Motor einen Extra-Boost von 50 Newtonmetern entlockt. Damit ausgestattet, ist der 911 Turbo unschlagbar. Er nimmt dem GT S auf dem 3,8 Kilometer langen Handlingkurs 1,5 Sekunden ab. Allerdings ist es nicht in erster Linie sein traktionsfördender Allradantrieb, sondern seine traumhaft präzise Allradlenkung, die mit der bedingungslos gehorsamen Vorderachse enorm hohe Einlenktempi erlaubt und den 911 damit zum Präzisionswerkzeug in den Händen des Fahrers macht. Zudem sorgt der Wankausgleich (Porsche Dynamik Chassis Control) für ein Minimum an Lastwechseln, ohne dabei das Feedback zu beeinträchtigen.

Bildergalerie: Mercedes-AMG GT S gegen Porsche 911 Turbo

Auch wenn der AMG GT S ein Musterbeispiel an Rückmeldung und Beherrschbarkeit ist, stellt der Porsche das Maß der Dinge in Sachen Präzision dar. Grandios verzögern zudem die Karbon-Keramik-Bremsen (optional) des Zuffenhauseners. Zwar verschenkt er mit kalten Bremsen gegenüber dem warmen System über zwei Meter Strecke, aber dennoch setzt er mit 33,8 Metern (kalt) und 31,2 Metern (warm) die Bestwerte. Der ebenfalls mit Karbon-Keramik-Bremsen versehene Mercedes-AMG GT S bleibt knapp dahinter, zeigt aber wie der Porsche einen auch unter Dauerbelastung glasklaren Druckpunkt. Hinter der Vorderachse weit in Richtung Fahrzeugmitte des GT S gerückt, sitzt der neu entwickelte Vier-Liter-V8-Biturbo. Und das Triebwerk inszeniert sich mit dramatischer Klangkulisse. Schon beim Rangieren brodelt der V8 wie ein Offshore-Boot beim Verlassen der Hafens. Unter Last hebt sich die Stimme, und der locker hochdrehende Achtzylinder schmettert seine aggressive Rennsport-Arie aus den dicken Endrohren. Mit sattem Punch entfaltet der gut dosierbare V8-Biturbo seine Kraft aus niedrigen Drehzahlen. Die enorme Traktion sorgt dafür, dass die Power auch bei harter Leistungsabfrage nicht in Rauch aufgeht. Tempo 100 hat der GT S bereits nach 3,8 Sekunden abgehakt, 200 km/h nach 11,4 s. Der Porsche mit seinem Heckmotor nutzt auch hier in erster Linie seinen Allradantrieb, um aus dem Stand wie von einem Katapult abgefeuert nach vorn zu schnellen.

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Knappe 3,1 Sekunden – und die 100-km/h-Marke fällt. Mit steigendem Tempo baut der 911 Turbo seinen Vorsprung, wenn auch in kleinen Schritten, kontinuierlich auf 1,1 Sekunden bis 200 km/h aus. Hohe Drehzahlen begleiten dabei das unvergleichlich aggressiv heisere Sägen des weit hinten im Porsche platzierten Boxermotors. Für kurzfristige Zwischensprints ist dem doppelt aufgeladenen, eine Spur kultivierter arbeitenden Sechszylinder und dem V8-Biturbo jede Drehzahl recht. Beide werden von den jeweiligen Sieben-Gang-Doppelkupplungsgetrieben optimal unterstützt. Die Getriebe verfügen zudem über eine Segelfunktion, die Motoren über Start-Stopp-Systeme. Wirklich sparsam ist aber weder der Porsche (14, 1 l/100 km) noch der Mercedes AMG GT S (14,7 Liter). Wie beim Klang inszeniert sich der Mercedes-AMG GT S auch bei der Formensprache. Die klassische Sportwagen-Silhouette entfaltet aber erst vom Fahrerplatz aus ihre ganze Faszination. Fahrer und Beifahrer sitzen weit außen an den Türen tief ins Fahrzeug integriert und gefühlt direkt auf der Hinterachse des Affalterbacher Supersportlers. Der Schacht für die Beine fällt aber kaum breiter aus als der des 911, weil der Mitteltunnel einen guten Teil der 20 Zentimeter mehr Innenbreite im Vergleich zum Porsche für sich beansprucht. Der Blick durch die steil stehende Frontscheibe über die weit nach vorn ragende Motorhaube ist grandios. Im Porsche sitzen Fahrer und Beifahrer deutlich enger nur eine Handbreit voneinander entfernt im Zentrum des Fahrzeugs. Die beiden hinteren Sitze des 911 bieten nur Kindern eine Mitfahrgelegenheit auf kurzen Strecken. Der AMG nutzt den Raum hinter den Sitzen als Gepäckabteil. Mit 350 Litern ist sein Ladevolumen im Gegensatz zu den mickrigen 115 Litern des Porsche in der Front deshalb auch für Urlaubsreisen zu zweit ausreichend.

Für einen Mercedes verpflichtend ist eine umfangreiche Sicherheitsausstattung. Neben dem serienmäßigem LED-Licht, das bei Porsche Aufpreis kostet, bietet der GT S einen ebenfalls serienmäßigen Notrufassistenten sowie Spurhalte- und Wechselassistenten an, die es für den Porsche nicht gibt. Unverständlich ist allerdings, warum Mercedes beim Zweisitzer auf eine Isofix-Befestigung für den Beifahrersitz verzichtet. Für den 911 gibt es diese Funktion gegen Aufpreis, im Fond ist sie sogar serienmäßig vorhanden. Auch beim Blick auf die Verarbeitung muss der GT S passen. Der 911 steht da wie aus einem Guss. Jedes Bauteil sitzt perfekt, jede Fuge, jede Naht verläuft wie mit dem Lineal gezogen. Beim AMG stören die Knarzgeräusche der rahmenlosen Seitenscheiben und die teilweise nicht exakt laufenden Spaltmaße.

Obwohl sowohl der Mercedes-AMG GT S als auch der Porsche 911 Turbo gänzlich auf Performance getrimmt sind, zeigen sie einen beeindruckenden Langstreckenkomfort. Beide Rivalen verfügen über gut anliegende, in der Breite einstellbare Sportsitze, die zwar straff gepolstert sind, aber auf langen Strecken mit ihrer gelungenen Lehnenkontur punkten. Die beim GT S und beim 911 Turbo adaptiven Dämpfer meistern selbst ausgefahrene Pisten. Der Porsche zeigt jedoch das feinere Ansprechverhalten bei hervorstehenden Kanten. Insbesondere die Hinterachse des Mercedes informiert deutlicher über die Struktur der Fahrbahnoberfläche. Solange die Auspuffklappen des GT S geschlossen bleiben, halten sich auch die Fahrgeräusche – wie beim Porsche – auf angenehmem Reiseniveau. Der Mercedes-AMG GT S ist inklusive aller testrelevanten Optionen über 30.000 Euro günstiger als der mit serienmäßigem Navigationssystem etwas besser ausgestattete 911. Zudem profitiert der AMG von seinen günstigeren Versicherungseinstufungen, dem in Euro gerechneten geringeren Wertverlust und den deutlich besseren Garantiebedingungen. Aber bei Sportwagen dieser Art spielen die Kosten meist eine eher untergeordnete Rolle …

Technische Daten & Gesamtbewertung als PDF zum nachlesen

Michael Godde
Fazit

Der Mercedes-AMG GT S zeigt im Vergleichstest mit dem Porsche 911 Turbo sein gesamtes Potenzial. Er zählt zu den besten Supersportlern, die jemals Jagd auf den 911 gemacht haben. Der AMG dürfte auch derzeit jeden anderen Rivalen in seiner Leistungsklasse in die Schranken weisen. Aber nicht dieses Mal den 911 Turbo: Der Porsche nutzt die Vorteile seines Allradantriebs und seiner ebenfalls auf alle vier Räder wirkende Lenkung siegreich aus. Doch der nächste Vergleichstest mit dem 462 PS starken AMG GT und dem ebenfalls heckgetriebenen 911 Carrera GTS mit 430 PS könnte schon anders ausgehen – die Vorbereitungen laufen.