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Wirtschaft: Der Volkswagen-Konzern im Fakten-Check

Auf dem Prüfstand

Große Bauchschmerzen bereitet Winterkorn auch der US-Markt: Während dort alle anderen deutschen Hersteller Erfolge verzeichnen, schrumpft der VW-Absatz. So lag VW im ersten Quartal 2015 weit hinter der Allradmarke Subaru. Dabei hatte man extra ein neues Werk in Chattanooga errichtet und einen speziellen US-Passat entwickelt. Doch das Modellprogramm in den USA ist noch zu schmal, passende SUV fehlen, und die Modellzyklen sind im Vergleich zu denen der US-Konkurrenz viel zu lang.

VW Gol: In Brasilien nicht mehr auf Platz 1

Winterkorn verspricht Abhilfe: „Wir werden unsere Modelle in deutlich kürzeren Abständen überarbeiten.“ Ab Ende 2016 soll ein neues Mittelklasse-SUV für die USA in Chattanooga gebaut werden. 2017 folgt dann der nächste Tiguan mit verlängertem Radstand, der in Mexiko vom Band läuft. Auch der VW Golf wird dort für den US-Markt produziert.

Noch problematischer als der US-Markt ist für Volkswagen jedoch die Schwäche in Brasilien: Am Zuckerhut war der VW Gol 19 Jahre lang das meistverkaufte Auto und VW neben Fiat die dominierende Marke. Doch der Gol wurde 2014 vom Fiat Palio an der Spitze der Neuzulassungen abgelöst. Auch Toyota und vor allem Hyundai drängen mit vor Ort entwickelten und produzierten Modellen auf den brasilianischen Markt. Das Ergebnis: 16,9 Prozent Verkaufsrückgänge im ersten Quartal.

In den übrigen Schwellen- und Entwicklungsländern rächt sich zudem die 2011 gescheiterte Zusammenarbeit mit Suzuki. Mit Hilfe der Japaner hätte VW in relativ kurzer Zeit ein Billigauto entwickeln können. Doch Osamu Suzuki wollte nicht, dass seine Firma eine von vielen VW-Konzernmarken wird. So haben die Wolfsburger bis heute kein Billigauto für die Schwellen- und Entwicklungsmärkte. Aktuell arbeitet VW nun mit den chinesischen Partnern an dem Projekt. „Auch dieses Budget Car muss eine angemessene Rendite abwerfen,“ fordert Winterkorn.

Ohne Billigauto kann der Konzern auch in Indien nicht Fuß fassen: Der Marktanteil von VW lag 2014 auf dem Subkontinent nur bei mageren 1,7 Prozent. Selbst Skoda-Modelle wie der Rapid sind für Indien zu hoch positioniert. Dagegen leidet VW in Russland wie alle ausländischen Konzerne unter den politischen und wirtschaftlichen Spannungen in Folge der Ukraine-Krise. Im Gegensatz zu General Motors will VW aber auf dem einstigen Wachstumsmarkt vertreten bleiben.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen rechnet Winterkorn für 2015 mit einem moderaten Wachstum der Auslieferungen und einer Umsatzsteigerung um bis zu vier Prozent. Die Rendite des Konzerns soll zwischen 5,5 und 6,5 Prozent liegen. Damit wird er die Aktionäre langfristig jedoch nicht zufriedenstellen können. Um den Konzern effizienter und beweglicher zu gestalten, plant Winterkorn daher eine Umstrukturierung.

Wie bei den Lkw-Herstellern MAN und Scania könnten einzelne Marken zu übergeordneten Holdings zusammengefasst werden. Damit ließen sich Einspar- und Entwicklungspotenziale heben. Doch die Marken des VW-Konzerns haben ein starkes Selbstbewusstsein, agieren relativ unabhängig. Sie unter ein gemeinsames Dach zu zwingen, wird Winterkorn viel abverlangen. So turbulent wie in den letzten Wochen sollte es dabei jedoch nicht mehr zugehen.

Markus Bach