Auto-Geschichte: Facel Vega Haute Voiture

Grazil, glamourös – gescheitert: Nur zehn Jahre gab es Facel Vega, Frankreichs „gehobene Automarke“

Manch untergegangene Marke ist heute vergessen oder zur Fußnote der Autohistorie verkümmert. Aber nicht Facel Vega. Den Enthusiasten ist die französische Marke noch geläufig, und spätestens wenn man ein Foto zeigt, hellen sich die Gesichtszüge auf. Die Sehnsuchtswagen mit ihrer markanten Form haben sich ins Gedächtnis der Auto-Fans gebrannt. Seinerzeit war es schick, einen Facel Vega zu pilotieren.

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Hollywood-Ikonen wie Dean Martin oder Ava Gardner ließen sich gern im Facel Vega fotografieren, der Schah von Persien kaufte einen für seine Sammlung, Stirling Moss fuhr Facel Vega, Ringo Starr von den Beatles und Pablo Picasso auch. Der französische Philosoph Albert Camus kam 1960 in einem Facel Vega bei einem Unfall ums Leben. 1960 war auch das Jahr, in dem der Stern der Marke schnell sank – dabei hatte die Facel Vega-Story so viel versprechend begonnen.

HOFFNUNG IN DUNKLER ZEIT
Obwohl 1939 der Krieg Europa ins Chaos stürzte, war ein gewisser Jean Daninos voller Tatendrang. Der 33-jährige Franzose und ehemalige Citroën-Mitarbeiter hatte bereits einige Erfahrung im Auto- und Flugzeugbau. Nun gründete er die Firma „FACEL“ (Forges et Ateliers de Construction d’Eure-et-Loir) in Eure-et-Loire, etwa 100 Kilometer westlich von Paris, und fertigte zunächst Küchenmöbel sowie Blechpressteile aller Art.

Nach dem Krieg waren viele Autofabriken in Frankreich zerstört. Daninos sprang in die Bresche und baute für Ford und Simca Karosserien in beachtlicher Stückzahl. Aufträge von Panhard und Delahaye kamen hinzu. 1951 entwarf Daninos dann ein erstes eigenes Auto – noch auf Bentley-Basis. Im Sommer 1953 entstand der erste eigene Rahmen für den schnittigen Traumwagen des Sohns griechischer Einwanderer, der doch durch und durch ein französischer Patriot war. Jean Daninos konnte nicht verwinden, dass die große Automobilnation Frankreich nach dem Krieg in der Welt der Nobelmarken praktisch keine Rolle mehr spielte.

Eine Luxussteuer hatte den französischen Markt schwer getroffen. Daninos wusste: Ein neuer französischer Luxuswagen musste im Export stark sein. Deshalb – und weil es keinen großvolumigen französischen Motor gab – entschied er sich für ein V8-Triebwerk aus amerikanischer Produktion von DeSoto mit 4,5 Liter Hubraum und rund 175 PS. Ein Vorteil für den Verkauf in den USA. Die Karosserie dazu hatte Jean Daninos gemeinsam mit Chefingenieur Jacques Brasseur entworfen: einen schmucken 2+2-Sitzer mit markantem Gesicht.

Den Namen steuerte Pierre Daninos bei. Der jüngere Bruder des Facel-Chefs war ein in Frankreich bekannter Schriftsteller. Er schlug vor, den Wagen „Vega“ nach einem hell leuchtenden Stern zu benennen. Fortan hieß die Marke Facel Vega. Basis des ersten Facel Vega und aller weiteren war immer ein Rohrahmenchassis, an dem die Karosserie verschweißt wurde. Für diese aufwändige Konstruktion zeichnete der englische Rennfahrer Lance Macklin verantwortlich, den Jean Daninos mit ins Boot geholt hatte.

WUNDERSCHÖN UND PFEILSCHNELL
Im Chassis integriert ruhte das DeSoto-Firedome-Triebwerk über der Vorderachse – gekoppelt wahlweise mit einem automatischen Chrysler-Getriebe, das man über Drucktasten am Armaturenbrett steuern konnte, oder einem manuellen Viergang-Getriebe des französischen Herstellers Pont-à-Mousson. Die ersten Modelle – das Coupé, der FV-1 (später FV-2 und FVS), der HK 500 und der viertürige Excellence – hatten V8 mit Hubräumen zwischen 4,5 und 5,9 Litern. Der HK 500 war bis 1959 der stärkste Facel Vega – und wohl auch der schönste.

Er wuchtete in der Schaltversion 360 PS auf die Kurbelwelle und beschleunigte den etwa 1,6 Tonnen schweren Wagen auf 235 km/h. Die Fachwelt jubelte, die Konkurrenz staunte, die anvisierte Käuferschicht im Ausland orderte – alles lief gut für die junge Marke. 1960 aber änderte sich das. Der Patriot Jean Daninos wollte einen „Einsteiger-Facel“ mit komplett französischer Technik auf den Markt bringen. Das Ergebnis dieser Bemühungen war der elegante Facellia, der mit einem auf den ersten Blick wenig prestigeträchtigen Reihen-vierzylinder Vorlieb nehmen musste. Ein Porsche hatte zu dieser Zeit allerdings auch nicht mehr zu bieten.

Da es in ganz Frankreich keinen ordentlichen Sportmotor gab, beauftragte Daninos seinen Getriebelieferanten Pont-à-Mousson mit dem Bau. Heraus kam ein Doppelnockenwellen-Aggregat mit 1646 cm3 und bis zu 126 PS. Die Motoren waren technische Leckerbissen, doch steckten sie voller Kinderkrankheiten: Sie platzten, zerbliesen die Kopfdichtungen, brannten die Kolben durch. Zwar wurde der Motor schnell überarbeitet – mit ihm fuhr der Facellia 1961 bei der Rallye Monte Carlo einen Klassensieg ein –, doch das ramponierte Image konnte damit nicht wiederhergestellt werden.

Facel Vega musste viele Motoren austauschen und erzürnte Kunden beruhigen. Zu allem Überfluss stockte auch der Verkauf der „großen“ Modelle Facel II und Facel Excellence. Letzteren plagten zudem Stabilitätsprobleme wegen seiner fehlenden B-Säule. Andere Firmen wie Bristol, Ferrari oder Maserati hatten das Facel Vega-Konzept des großen 2+2-Sitzers übernommen und lockten die verwöhnte Kundschaft zu sich.

DAS ENDE KAM SCHON 1964
Durch Aktienverkäufe erhält Facel 1961 frisches Geld, Daninos wurde als Generaldirektor abgesetzt. Mit Volvo B18B-Motoren wollten die neuen Herren im Hause Facel Vega den kleinen Facellia, der nun Facel III hieß und technisch und optisch gründlich überarbeitet worden war, ab 1962 flottbekommen. Doch weder der Facel III noch der 1964 vorgestellte Facel VI mit Austin-Healey-Motor und sechs Zylindern konnten die kleine Baureihe und damit die Firma retten.

Im Oktober 1964 gingen bei Facel Vega die Lichter aus. Noch bis ins hohe Alter versuchte Jean Daninos, die Marke wiederzubeleben – vergeblich. Von 1954 bis 1964 wurden knapp 1.900 Facel Vega gebaut. Heute sind die wenigen verbliebenen Exemplare in Sammlerhand und die Stars auf jeder Oldtimer-Veranstaltung.
Thorsten Elbrigmann

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