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Porsche 911 Carrera S Coupé im Fahrbericht

Porsche 911 Carrera S Coupé

Im 48. Karriere-Jahr gelingt dem 911 ein Zaubertrick in Fahrphysik. Das totgesagte Heckmotorprinzip zeigt sich lebendiger denn je

Eckdaten
PS-kW400 PS (294 kW)
AntriebHinterrad, 7-Gang-Doppelkupplung
0-100 km/h4.50 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit304 km/h
Preis102.436,00 €

Für immer abgeschrieben hatten ihn manche Kritiker schon kurz nach seiner Geburt im Jahr 1963. Der Porsche 911 galt Jahrzehnte lang (und zeitweilig zu Recht) als bösartiger Untersteuerer, durchtriebene Heckschleuder, untalentierter Geradeausläufer, als laut, eng und anstrengend, kurz: als hoffnungsloser Fall – ein Sportwagen mit Charisma, doch auch mit Tücken, stabil nur in der Bauart, doch nicht im Fahrverhalten. Der Grund dafür war schnell gefunden: Das „Käfer-Prinzip“ des Heckmotors sei nicht zukunftsfähig, befanden selbst ausgewiesene Experten und wähnten sich viele Jahre lang damit im Recht.

DER NEUE 911er HAT FEINE MANIEREN
Porsches späten Versuch, die unternehmungslustige Hinterhand mittels Allradantrieb zu zügeln, empfanden Puristen als billigen Trick. Die Einführung einer neuen, passiv stabilisierend mitlenkenden Hinterachse ab der Generation 993 linderte das Übel, schaffte es aber nur teilweise aus der Welt. Der „Elfer“ galt weiterhin als eifriger Untersteuerer. Mit den Modellwechseln zum 996 und 997 trat weitere Besserung ein, denn die 911er wurden nun sicherer und beherrschbar. Nur der Geradeauslauf erntete noch immer viel Kritik. Bis heute. Denn 48 Jahre nach dessen Debüt hat Porsche dem schwer erziehbaren Draufgänger endgültig feine Manieren beigebracht. Der Porsche 911 Carrera S Coupé hält stoisch die Linie, er fährt sauber geradeaus, kennt Untersteuern bloß vom Hörensagen und lässt sich im Vergleich zu früheren Modellen nur noch mit List und Gewalt zum Drift provozieren. Kurven jeglicher Radien meistert er mit einer spielerischen Leichtigkeit und Lässigkeit, die zur Arroganz verleitet. Nie fiel es leichter, mit einem Porsche 911 sehr schnell zu fahren.

Das klingt sehr verlockend, und es kommt noch besser: Porsches Evergreen ist nicht nur fahrsicherer, sondern auch flinker und komfortabler geworden. Ausgerüstet mit aktiven Dämpfern (Serie beim Carrera S) sowie Sportfahrwerk und dynamischer Wankstabilisierung (PDCC, 4034 Euro Aufpreis), erreicht der neue 911 im Federungs- und Geräuschkomfort nun ein höheres Komfortlevel als alle Carrera-Modelle zuvor. Das komplett neu entwickelte Antriebsduo, bestehend aus einem 400 PS starken 3,8- Liter-Sechszylinder und einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (für 3511 Euro Aufpreis), brilliert mit exzellenten Sprintwerten und einer Laufkultur, die selbst im Limousinenbereich so manchem Wettbewerber die Schamesröte in die Kühlermaske treibt.

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Doch der verblüffendste Zaubertrick ist ein anderer: Der Porsche 911 Carrera S Coupé bleibt in seiner Emotionalität trotzdem ganz und gar ein Heckmotor Porsche, er hat den Charme seiner Vorgänger hinübergerettet in die neue Zeit. Sein Motor hängt mustergültig am Gas und klingt, wie nur ein Porsche-Boxer klingen kann. Ab 4000 /min zieht er unwiderstehlich an und dreht jubilierend bis an die 8000er-Marke in einer Manier, die an alte Porsche-Renntriebwerke erinnert. Das Getriebe unterstützt diesen Charakter mit einer engen Abstufung der Gänge eins bis sechs. Der im PDK-Getriebe besonders lang ausgelegte siebte Gang dient der Ressourcenschonung: Bei 90 km/h fällt die Drehzahl unter 1500 /min. Effekt: Der Normverbrauch rutscht unter die Neun-Liter-Marke, noch stärker jedoch sinkt das Temperament. Wer einen sportlichen Fahrstil bevorzugt und gern selbst schaltet, benutzt die längste Welle des Getriebes selten bis gar nicht. Wie hoch der Praxis-Verbrauch ausfällt, wird der Testbericht zeigen.

Carrera S-Käufer zahlen ihren Expresszuschlag vermutlich aus der Portokasse. Denn selbst für einen sechsstelligen Grundpreis erwerben sie noch lange kein voll ausgestattetes Auto. In der knapp 70 Seiten starken Preisliste finden sich genug Details, um den 911 mit einem hochfeinen Interieur auszustaffieren, das jedem Vergleich mit britischen und bayerischen Luxus-GTs standhält. Die Pracht des abgebildeten Testwagens und die Raffinesse des Stylings mögen auf Freunde des nüchternen Stils früherer Jahre befremdlich wirken. Doch sie sollten sich hüten, den Elfer deshalb als Sportwagen abzuschreiben. Diesen Fehler haben sie einmal gemacht.
Karsten Rehmann

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Porsche 911 Carrera S Coupé

PS/KW 400/294

0-100 km/h in 4.50s

Hinterrad, 7-Gang-Doppelkupplung

Spitze 304 km/h

Preis 102.436,00 €