Fahrbericht: Mercedes SL 63 AMG 2012

Megavergleich - Teil VI: Der Souveräne

Acht Supersportwagen mit insgesamt 4351 PS im Megavergleich auf der Teststrecke. Nacheinander stellen wir Ihnen begehrenswerte Traumautos vor, am Ende folgt das große Fazit. Kandidat sechs: Mercedes SL 63 AMG 2012

Man kann einfach nicht abschalten in diesem Auto. Nein – und man darf es auch nicht. Selbst wenn man im Mercedes SL 63 AMG noch so entspannt dahinrollt, mit der untergehenden Sonne im Gesicht, dem seichten Wind im Haar. Wenn man seine Nase in die frische Luft hält, seine Finger über das glänzende Karbon und das akkurat vernähte Leder gleiten lässt und einen die pompösen Komfortsessel massieren.

Selbst wenn man mitten im puren Luxus schwelgt, den dieses mit AMG Performance Package fast 172.000 Euro teure Cabrio mit jeder Faser versprüht, kann man keine Sekunde lang vergessen, was sich unter der langen Motorhaube versteckt. Eine Bestie. Auf jedem Meter kann man sie hören. Tief grummelnd, wild trommelnd oder gar giftig fauchend. Ein Untier, das vom sonst so kultivierten SL Besitz ergreift, seine so lang gehegten Tugenden in den Hintergrund drängt, ihn aggressiv macht und den Fahrer abhängig.

Brutaler punch mit der fanfare eines unwetters

5,5 Liter Hubraum sind für einen feurigen V8 mehr als genug. Doch dieser hier wird bei AMG in Affalterbach handgefertigt und von zwei Turboladern unter Druck gesetzt – er entwickelt samt Perfomance Paket jetzt 564 PS und 900 Newtonmeter Drehmoment.

Und so wittert das Biest schon bei weniger als 1000 Umdrehungen die Chance zum Ausbruch, reagiert auf jede Bewegung des Gaspedals, grollt tiefe, knochige Bässe durch die eckigen Chromrohre. Eingeschüchterte Fahrer werden das Drehrädchen für die Charakteristik der Siebenstufen-Automatik schnell auf "C“ stellen. Die Komfortabstimmung soll ungewollte Kraftausbrüche im Zaum halten und gönnt den Passagieren zumindest an der Ampel durch die Start- Stopp-Funktion kurze Pausen zum Durchatmen.

Doch spätestens wenn sich der Fuß von der Bremse löst und der Biturbo- V8 wieder völlig enthemmt aufbrüllt, weiß man, dass er einer anderen Bestimmung folgt als die so viel tugendhafteren Familienmitglieder SL 350 oder SL 500.

Hat man endlich eine abgesperrte Strecke erreicht, wird es Zeit, das Untier freizulassen. Der Dreh am Rädchen auf Sport+ öffnet die Tür zum Kerker. Sofort reagiert die Automatik auf den Gasbefehl, schaltet zwei Gänge herunter und leitet die Urgewalt verlustfrei an die beiden Hinterräder.

Schlagartig packt die Bestie zu, dass es einem den Kopf nach hinten reißt. Der immense Schub wird begleitet von lautem Getöse, dass nur während der blitzartigen Gangwechsel von kurzem Knallen unterbrochen wird. Doch der Drang nach vorn hört nicht auf, selbst als die Tachonadel schnell an der 200er- Marke vorbeifliegt. Auch der Zahl 250 zollt dieser Mercedes SL keinerlei Respekt. Ebenso wenig der 280.

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Dann plötzlich bereitet die Elektronik der Show ein Ende, lässt den paralysierten Fahrer wieder zu Sinnen kommen. Sie regelt das Auto bei Tempo 300 ab. Gut, dass die fast 12.000 Euro teure Karbon-Keramik-Bremsanlage hemmungslos zubeißen kann und den Fahrer in irdische Geschwindigkeiten zurückholt.

So cruisen wir entspannt weiter, die Nase in der frischen Luft, die Fingern auf den edlen Materialien – jederzeit bereit, die Kraft des V8 voll auszukosten. Das ist wahre Souveränität.
Markus Schönfeld

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