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Honda Civic Type-R 2015: Kompaktsportler vertreibt den Golf GTI

Kamikaze vom Kampfstern

Das Universum der Kompaktsportler erlebt einen Machtwechsel: Tritt ab Golf GTI und verneige dich vor deinem neuen Herrn, dem Honda Civic Type-R 2015

Hasayuki Yagi ist ein braver Herr im dunklen Anzug, der prima Kühlschränke entwickeln oder Waschmaschinen verkaufen könnte. Doch wenn der Ingenieur über den neuen Honda Civic Type-R 2015 spricht, dann werden seine Augen lebendig und sein Gesicht beginnt zu strahlen. Denn der kompakte Kraftsportler, der im September zu Preisen ab 34.000 Euro in den Handel kommt, zählt mit seinen 310 PS und 270 km/h nicht nur zu den potentesten Autos, die in dieser Klasse zu haben sind, und macht mit seinem wilden Flügelwerk obendrein die beste Show. Sondern so, wie der Type-R aus dem nüchternen Projektleiter Yagi einen leidenschaftlichen Heißsporn macht, soll er auch die ganze Marke wieder ein bisschen mit Leben erfüllen. Nach mehr als fünf Jahren Wachkoma hat Honda das schließlich bitter nötig.

Honda Civic Type-R - erster Fahrbericht zum GTI-Schreck

Dabei setzt Yagi auf einen Herzschrittmacher mit zwei Litern Hubraum, einem Turbo-Lader und einem Drehzahlmesser, dessen roter Bereich erst bei 7000 Touren beginnt. Verpackt ist das ganze in einem Golf-Gegner, der schon im zivilen Outfit aussieht wie ein Raumschiff und als Sportler zum Kamikaze-Flieger vom Kampfstern Galaktika wird: Eine messerscharfe Schürze an der Front, riesige Nüstern auf und Kiemen hinter den Kotflügeln gegen den Staudruck unter der Motorhaube, einen Heckflügel, der jeden Jetpiloten vor Neid erblassen lässt und im Innenraum feuerrote Schalensitze als ginge es zum 24-Stunden-Rennen. Wem da nicht das Herz aufgeht, der Puls ansteigt und der Gasfuß zittert, der soll ruhig weiter Golf GTI fahren.

Schon im normalen Betrieb ist der Type-R ein giftiges Auto und eine schwere Prüfung für die Verkehrsmoral. Nicht umsonst schießt er in 5,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100 und lässt mit 270 km/h Spitze die allermeisten Kompaktsportler hinter sich. Doch dort, wo der konventionelle Civic die Eco-Taste hat, wechselt man bei diesem Auto in den R-Plus-Mode, den Yagi den „Kampfmodus“ nennt. Dann glühen plötzlich nicht nur die Instrumente in einem feurigen rot, sondern der ganze Wagen spannt die Muskeln an. Die Lenkung fordert mehr Kraft, der Motor hängt gieriger am Gas, das Fahrwerk wirkt feinfühliger und der Fahrer spürt plötzlich das Messer zwischen den Zähnen: Wie im Rausch rast man über die Landstraße: Anbremsen, Einlenken, Aufmachen, Gasgeben – all das wird eins und nur noch aus den Augenwinkeln sieht man das Blitzen der Schaltanzeige, während man den Stummel auf dem Mitteltunnel durch die kurzen Gassen prügelt und sich dabei an die blanke Kugel krallt, als wäre sie das einzige, was einem bei diesem Höllenritt noch Halt gibt. Klar, ist die Lenkung dabei nicht frei von Antriebskräften. Irgendwie müssen die 400 Nm schließlich auf die Straße kommen. Und auch die Traktionskontrolle hat gut zu tun. Doch es ist eindrucksvoll, wie scharf und präzise sich dieses Auto durch die Kurven treiben lässt und wie viel Spaß ein Honda plötzlich wieder machen kann.

Natürlich hätte Honda sich den Type-R früher gewünscht. Denn erstens gab es den letzten Type-R schon 2007, und zweitens fährt der aktuelle Civic bereits auf die Zielgerade, so dass die Tage des Heizers schon vor dem Start gezählt sind. Doch gut Ding will eben weile haben, sagt Ingenieur Yagi und erzählt vom jahrelangen Entwicklungs- und Abstimmungsaufwand.

Type R: Sensationelle Zeit auf der Nürburgring-Nordschleife

Schließlich ist der Civic anders als die meisten Kompaktsportler nicht einfach getunt, sondern mit fast schon wissenschaftlicher Akribie in weiten Teilen neu konstruiert. Der Motor zum Beispiel hat einen ganz speziellen Lader bekommen, der so schnell anspricht, dass man weder ein Turboloch spürt, noch wie sonst so oft bei 5000, 6000 Touren in den Limiter läuft. Im Gegenteil: Der Vierzylinder ist eine Drehorgel nach alter Väter Sitte, sodass die Schaltanzeige erst weit jenseits von 6000 Touren ihre grellen Blitze ins Cockpit jagt und nicht vor 7000 Umdrehungen Schluss ist. Und der Auspuff hat einen Sound wie ein Kamikaze-Flieger im Kampfeinsatz.

Aber Kraft alleine reicht nicht, wenn man schnell sein will, weiß Projektleiter Yagi und hat deshalb auch am Fahrwerk gearbeitet. Die Vorderräder sind an Doppelachsen aufgehängt, die adaptive Federung gleicht die Längsbewegungen des Autos aus und erhöht so die Traktion, die Brembo-Bremsen sind mit 350 Millimetern Durchmesser die größten, die Honda je  in einem R-Modell eingebaut hat und allein das Sperrdifferential bringt auf der Nordschleife fünf Sekunden. Selbst die Pommestheke auf dem Heckdeckel ist nicht nur Show. Sondern zusammen mit dem markanten Frontsplitter und dem glatten Unterboden bringt das tatsächlich Abtrieb und drückt den Honda Civic Type R in schnellen Kurven fester auf den Asphalt.

Die ganze Mühe hat sich gelohnt. Nicht nur, weil der Civic Type-R tatsächlich ein belebendes Auto ist und ein wenig von dem sportlichen Glanz zurück bringt, den Honda als erster japanischer Formel1-Sieger allemal verdient hat. Sondern auch, weil Männer wie Hasayuki Yagi die Kollegen in Europa in ihren Allmachtsphantasien endlich mal ein bisschen einbremsen. Denn nicht der Golf GTI, der Seat Leon Cupra oder der Renault Mégane RS ist in dieser Klasse der aktuelle „King oft the Ring“. Sondern an diesem Punkt ist Yagi ganz unbescheiden und sehr präzise: „7 Minuten, 50 Sekunden und 63 Hundertstel - kein anderer Fronttriebler aus dem Golf-Segment ist schneller durch die grüne Hölle gefahren als der neue Type R,“ sagt der Ingenieur und lässt seine Augen schon wieder leuchten.

Thomas Geiger