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Equus Bass 770: Ford Mustang-Hommage

Wenn der Mustang galoppiert

Auf den ersten Metern, weg von den sehr noblen Büros der Firma Equus im suburbanen Detroit, fällt sofort die harte Federung auf. Die Information, dass man auf Beton und nicht über Marshmallows fährt, bekommt man also direkt. Na gut – der Bass läuft auch auf Reifen vom 
Typ Michelin Pilot Sport und nicht auf den für alte amerikanische Muscle-Cars üblichen Komfort-Schlappen. Vielleicht ist auch der Reifendruck ein bisschen 
zu hoch eingestellt – das meinten zumindest die Jungs bei Equus. Als ich an die erste Ampelkreuzung heranrolle, plane ich den ersten waschechten Kavaliersstart – egal, wie sich das Traktionsvermögen auch verhalten mag. Grün: Ich lasse die Kupplung springen und drücke das Gaspedal den langen Weg bis zum Anschlag. Wie von einem Katapult werde ich abgeschossen. Schnell der zweite Gang. Der drückt einen noch brutaler in den Sitz. Als der Drehzahlbegrenzer zuschlägt, steht die Tachonadel bereits bei Tempo 130 – und die nahende Ampel auf Rot. Ich stampfe hart aufs Bremspedal. Unmittelbar 
vor der weißen Linie komme ich zum Stehen. Durchatmen. Hatte ich eigentlich schon den Lärm 
erwähnt? Bis zur Hälfte des Drehzahlbands – also etwa 3500 Touren – brüllt der Wagen wie ein heiserer Tom Waits nach einer durchzechten Nacht. Danach öffnen sich die Auspuffklappen, und 
ein ohrenbetäubender Schrei erklingt. Wow, was für ein Sound! Schon jetzt 
ist klar, dass dieses Auto mehr als eine Bastelübung ist oder ein schlecht zusammengestelltes Greatest-Hits-Album der Muscle-Cars.

Mehr zum Thema: Ford Mustang gegen Focus RS

Equus Bass 770 mit 820 NM

Doch beginnen wir da, wo jede Geschichte über solche Autos anfängt: beim Motor. Hier ist eine kleine Unterrichtsstunde für uns Downsizing-Europäer angebracht. Für mich persönlich 
ist nichts dabei, wenn man einen 640 PS starken 6,2-Liter-V8 (8 x 770 cm3) von General Motors mit Kompressoraufladung und 820 Nm Drehmoment unter die Motorhaube einer Mustang-Interpretation pflanzt. Immerhin schiebt dieses Kraftpaket den rund 1,7 Tonnen schweren Fastback in 3,4 Sekunden 
aus dem Stand auf Tempo 100 und auf mehr als 320 km/h Spitze. Und ähnlich wie Sie wahrscheinlich auch verstehe ich diese ganze Ford-gegen-GM-Nummer nicht. Doch da gibt es viele Amerikaner, hunderte Millionen von ihnen, denen eine Herzverpflanzung eines Corvette-Motors in einen Retro-Mustang so naturwidrig vorkommt, als würde der Bruder die eigene Schwester daten. Die Resonanz in Internetforen auf das Konzept von Bassam Abdullah ist jedenfalls überraschend bösartig und aggressiv. Dabei arbeitete er ursprünglich ja mit Ford zusammen. Als die jedoch den bildschönen Entwurf sahen, war er ihnen doch zu nah am eigenen Mustang – und sie beendeten die Kooperation. Obwohl am Equus eindeutig auch Linien des Dodge Charger und des Challenger zu erkennen sind – beispielsweise die leicht hochgezogenen Hüften. Es hat Jahre gedauert, bis Abdullah die für ihn passende Form ge-funden hatte. Den größten Teil der 
Design-Arbeit erledigte er mit seinem Team in Afrika und Europa, das erste Tonmodell entstand in Paris. Der Equus Bass 770 ist also ein echtes Weltauto, 
obwohl es gar nicht danach aussieht. 
Gebaut wird das Muscle-Car nun in 
Detroit von graubärtigen Automechanikern aus der Motor City. Abdullah erklärt das Offensichtliche: „Du findest heute keine jungen Leute mehr, die 
ein Auto von Grund auf bauen können. Deswegen sitzen wir in Detroit. Hier gibt es dieses Knowhow noch.“

Equus Bass entsteht in Detroit

Allerdings waren die Vereinigten Staaten von Amerika und gerade Detroit auch schon immer der Ort der Massenproduktion. Wie man ein Auto in kleiner Stückzahl in Manufaktur-Qualität zusammensetzt, mussten sich die Equus-Jungs also selbst beibringen. Auf eine bestehende Fahrzeugarchitektur verzichten sie dabei. Der Equus Bass 770 entsteht wie ein Rennauto aus einem Aluminium-Monocoque samt Überrollkäfig und Anbauteilen aus Stahl. Um dieses Gerippe herum wird dann die Karosserie gebaut. So liegt die Steifigkeit des Autos deutlich über der von Serienautos wie Corvette oder Camaro. Und das ist genau der Grund, warum man den Untergrund beim Fahren so genau spüren kann. Und warum die Traktion nicht durch plötz-liche Ausbrüche des Hecks abreißt. "Es hat noch einen weiteren Vorteil, wenn man mit einem weißen Stück Papier beginnt“, meint Abdullah. „Man kann das Auto mit einer perfekten Gewichtsverteilung konstruieren." Anders als bei herkömmlichen Muscle-Cars, bei denen der Motor direkt auf 
der oder sogar vor der Vorderachse sitzt, versteckt der Equus seinen mächtigen V8 viel weiter hinten. Und so zeigt er auch nicht diesen nervös frontlastigen, reifenqualmenden Charakter. Noch 
dazu ist die Hinterachse sogar fünf Zentimeter breiter als bei einer Corvette, und der Radstand streckt sich fast 30 Zentimeter länger. Angst, dass die Pferde wild mit einem durchgehen, braucht man also nicht zu haben.

Equus Bass mit präziser Gangschaltung

Trotzdem will ich den Equus an seine Grenzen bringen und suche zusammen mit dem Fotografen eine passend fotogene Gegend in Detroit. Als wir ein paar ruhige Straßen finden – das Viertel hier nennt sich Eight Mile –, bin ich froh, dass ich derjenige bin, der in einem 640-PS-Auto fährt – und nicht der andere, der mit einer 10.000 Euro teuren Fotoausrüstung an einer apokalyptischen Straßenkreuzung hockt. Dank der sehr knackigen und präzisen Sechsgang-Schaltung passiert die Beschleunigung in Kapiteln. Es sind lange, aufregende Kapitel, jedes mit seinem ganz eigenen epischen Ende. In Kurven überrascht der Equus mit einer erstaunlichen Stabilität. Er krallt sich stärker in den warmen Asphalt als der Fotograf an seine Nikon. Erst wenn man wirklich am Lenkrad reißt und das Gaspedal malträtiert, verlieren die Hinterräder die Traktion. Dank des langen Radstands passiert das aber erstaunlich sanft. Wer hätte gedacht, dass all der Druck so geschmeidig zu steuern ist? Das Bremsen ist ebenfalls eine Offenbarung: Die jeweils sechs Kolben der Brembo-Keramikanlage liefern eine souveräne Vorstellung ab.

Equus Bass rund 100 Mal im Jahr gebaut

Allerdings haben all die Handarbeit, die sechsjährige Entwicklung und das Hightech-Material ihren Preis – 250.000 US-Dollar (etwa 230.000 Euro), um genau zu sein. Und Abdullah will rund 100 Stück im Jahr verkaufen. Das ist extrem viel Geld für ein Muscle-Car – und extrem teuer für ein Auto in den USA. Schließlich kostet eine neue Corvette Stingray hier nur ein Viertel davon. So dürfte der Equus Bass 770 wohl weniger etwas für die eingefleischten Enthusiasten sein als vielmehr für die Reichen, von denen es allein in Amerika mehr als genug gibt. Die finden in der Schöpfung von Bassam Abdullah jedenfalls ein taugliches Spielzeug, das man sich zum Beispiel statt eines Powerboats kaufen kann. Und dann ist da ja noch der globale Markt 
für Sammler, denen sich ein so seltenes Gefährt geradezu aufdrängt. In diesem Kontext scheint eine Stückzahl von etwa 100 im Jahr sogar realistisch – wenn Werkzeuge und Personal erst einmal in Routine arbeiten. Bassam Abdullah zog aus, um seinen Traum eines eigenen Muscle-Cars zu verwirklichen – mit unbändiger Kraft, einem grandiosen Soundtrack und einem Fahrwerk, mit dem sogar wir Europäer etwas anfangen können. Selbst 
Steve McQueen hätte seine helle Freude daran …    

Steve Moody/Markus Schönfeld