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McLaren MP4-12C im ersten Test

Mäclären-Em-Pe-Vier-Strich-Zwölf-Ce – bis Sie den komplizierten Namen dieses Supersportlers ausgesprochen haben, hat der längst die Tempo-100-Marke geknackt

Eckdaten
PS-kW600 PS (441 kW)
AntriebHinterrad, 7-Gang-Doppelkupplung
0-100 km/h3.00 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit330 km/h
Preis200.000,00 €

Eigentlich soll man Geschichten nicht mit der Beschreibung des Wetters beginnen. Doch in diesem Fall geht das nicht anders: Danke, lieber Gott, dass Du dem Briten an diesem wichtigen Tag Sonne geschenkt hast. Wir sind in Dunsfold, knapp 70 Kilometer südwestlich von London – dort, wo es fast immer regnet und nur einen Katzensprung entfernt von Woking, der Geburtsstätte eines Autos, das wir heute testen dürfen. Und das der Supersportwagenzunft ab sofort das Fürchten lehren soll: der McLaren MP4-12C.

AUTO ZEITUNG-BESCHLEUNIGUNGSREKORD: 8,7 SEKUNDEN VON 0 AUF 200
Die Bedienung im Cockpit erklärt sich von selbst. Blinker links, Scheibenwischer rechts, drei Knöpfe und zwei massive Metallwippen für das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Mit zwei silberfarbenen Drehreglern werden Fahrwerk, Getriebe und Motor von komfortabel bis supersportlich getrimmt. Wir starten den 600 PS starken V8-Biturbo, drehen beide Regler auf „Track“ und rollen langsam auf den Flugplatz von Dunsfold – besser bekannt als die Spielwiese von „The Stig“, der in der BBC-Autoserie „Top Gear“ auf Zeitenjagd geht.

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Die Start- und Landegerade ist so lang, dass man nicht vom einen zum anderen Ende sehen kann – genau richtig für den Beschleunigungstest. Mit einem Knopfdruck aktivieren wir die Launch-Control. „Klack“, der erste Gang liegt an. Wir ziehen den Gurt noch einmal fest, stellen den linken Fuß auf die Bremse und geben Vollgas. Die Drehzahl verharrt bei knapp 5000 Touren, wobei der für diesen Moment elektronisch abgeregelte Motor von außen wie ein Presslufthammer klingt. „Boost ready“ zeigt das kleine Display links neben dem Drehzahlmesser an, der nötige Druck für die absolute Beschleunigungsorgie ist aufgebaut. Also Bremse lupfen und los. Das Ergebnis ist völlig unspektakulär und absolut perfekt: keine quietschenden oder rauchenden Reifen, keine verbrannte Kupplung, kein Zucken mit dem Heck. Nach nur drei Sekunden hat der McLaren MP4-12C Tempo 100 geknackt. Doch das kann ein 70 PS schwächerer Porsche 911 Turbo S mit Sechszylinder-Boxer und Allradantrieb auch. Aber was der McLaren von 100 bis 200 km/h veranstaltet, haben wir im Test bis dato noch nicht erlebt. Als ob es kein Morgen gäbe, springt die Drehzahlnadel hinter dem Lenkrad auf und ab, das Doppelkupplungsgetriebe knallt einen Gang nach dem anderen rein, und die Zahlen auf der digitalen Tempoanzeige scheinen sich beinahe zu überschlagen. 8,7 Sekunden später fliegt der orangefarbene Brite mit 200 Sachen über den Flugplatz und brüllt dabei seine Kraft mit aller Gewalt durch die beiden flachen Endrohre.

Nach nur 33,3 Metern steht der MP4-12C mit kalten Scheiben wieder aus Tempo 100. Mit 34,9 Metern ist der Warmbremswert zwar nicht schwach, dennoch erwarten wir auf dem gewohnten AUTO ZEITUNG-Testterrain deutlich kürzere Wege. Denn unter starker Belastung und bei hohen Temperaturen auf der Rundstrecke zeigt die 11.500 Euro teure, absolut standfeste und fein dosierbare Karbon-Keramik-Bremse, was sie kann. Auch die Lenkung setzt 100-prozentig das um, was die Fahrerhände befehlen. Dabei hat der McLaren an Vorder- und Hinterachse eine extrem hohe mechanische Haftung. Und wenn die PZero Corsa von Pirelli an ihre Grenzen kommen, macht der Brite keine Mätzchen, sondern untersteuert sanft. Oder die Traktionskontrolle sorgt selbst im geschärften „Track“-Modus mit dezenten, kaum spürbaren Bremseingriffen für optimalen Vortrieb. Am schnellsten ist man aber ganz ohne elektronischen Helfer unterwegs, sodass man immer mit etwas Schlupf aus Kurven herausbeschleunigen kann. Es ist fantastisch, wie schnell, aber trotzdem unglaublich einfach und präzise sich der McLaren MP4-12C über die 2,82 Kilometer lange Top Gear- Strecke bewegen lässt.

MILLIMETERGENAUES HANDLING UND KOMFORTABLES FAHRWERK
Selbst wenn man am Kurvenscheitelpunkt wieder beinahe voll auf dem Gas steht oder in die Kurve hineinbremst, wird man nicht von einem plötzlichen Heckausbruch oder einer tänzelnden Hinterachse überrascht. Dazu tragen die mit entsprechender Temperatur klebrigen Semislick-Reifen sowie die so genannte Airbrake (Luftbremse) bei – ein bei starker Verzögerung aus über 95 km/h automatisch ausfahrender Heckflügel. Sogar auf der zum Teil welligen Flughafen-Fahrbahnoberfl äche mit wechselnden Belägen pfl egt der McLaren stets die feine, ehrliche, aber auch verdammt schnelle Art, unterstützt von einem blitzschnell arbeitenden Doppelkupplungsgetriebe, das beim Herunterschalten durch automatische Zwischengasstöße unterstützt wird. Nach etwa zehn Runden lassen wir den MP4 zum Abkühlen über die lange Gerade rollen, bevor wir die Schranke passieren und die Landstraße entern.

Hier, wo lange vor Sonnenuntergang schon nichts mehr los ist und die Schlaglöcher das ganze Jahr über tiefer sind als nach einem deutschen Jahrhundertwinter, erhielt der knapp 1,20 Meter flache Brite den letzten Fahrwerks-Feinschliff. Arbeiten die adaptiven Dämpfer mit hydraulischem Wankausgleich im Normalmodus, setzt der MP4-12C auf dem verwitterten englischen Asphalt Maßstäbe in seinem Segment. Der 1359 Kilo leichte Wagen liegt sehr ruhig, und selbst beim Überfahren von Querfugen und Kanten hat man nicht das Gefühl, in einem Supersportler zu sitzen, der bei Bedarf 330 km/h rennt. Zwar dringen die Fahrwerksgeräusche ab und an bis in den Innenraum, harte Schläge erleben die Insassen aber nur selten. Einen großen Anteil daran haben die bequem gepolsterten Sportschalen, die mit feststehenden Kopfstützen an das Layout der traditionellen Porsche-Sitze erinnern.

Auch sonst muss man im McLaren MP4-12C nicht auf den üblichen Komfort verzichten. Leder, Karbon-Kermik-Bremse, Navi: Im Schnitt geben Käufer für den 200.000 Euro teuren Sportler noch einmal 60.000 Euro für Extras aus – was aber nichts daran ändert, dass die Digitalanzeigen hinterm Lenkrad zu klein und deshalb schlecht ablesbar sind. Ein nettes Detail sind die sensorgesteuerten äußeren Türöffner. Ein leichter Hand-Wisch über den Absatz unterhalb der Kante für den seitlichen Lufteinlass genügt zum Entriegeln der Flügel, die mit wenig Kraftaufwand langsam nach vorn aufschwingen. Obwohl die Sitzkonsolen weit unten auf dem Boden des 75 kg leichten Karbonchassis montiert und die Schweller breit sind, ist der Einstieg durch die großen Türausschnitte kein Kletterakt. In den 144 Liter kleinen Kofferraum zwischen den Vorderrädern passt zwar gerade mal ein Wasserkasten, für zwei kleine Sporttaschen mit Gepäck für den Wochenendtrip zur Rennstrecke reicht der Platz aber allemal.

Unser Ausflug endet schon nach einem Tag. Am liebsten hätten wir den McLaren sofort zum Tracktest gegen Ferrari, Lamborghini und Porsche nach Köln mitgenommen. Von Dunsfold in die Domstadt sind es 600 km. Das ginge mit dem MP4-12C sehr entspannt.
Paul Englert

Inhaltsübersicht

Autos im Test

McLaren MP4-12C

PS/KW 600/441

0-100 km/h in 3.00s

Hinterrad, 7-Gang-Doppelkupplung

Spitze 330 km/h

Preis 200.000,00 €