Lamborghini Aventador LP 700-4 im Test

Lamborghini Aventador LP 700-4

Mit dem neuen Aventador hat Lamborghini eine Skulptur aus Karbon und Aluminium geschaffen. Noch nie ließ sich ein Zwölfzylinder aus Sant’Agata so präzise bewegen

Eckdaten
PS-kW700 PS (515 kW)
AntriebAllradantrieb, permanent, 7 Gang Automatik
0-100 km/h2.90 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit350 km/h
Preis312.970,00 €

Einen Zwölfzylinder-Sportler aus Sant’ Agata Bolognese zu bewegen, konnte man früher durchaus mit harter körperlicher Arbeit auf bärenstarken Landmaschinen vergleichen, die vor 1962 die Basis des Unternehmens Ferruccio Lamborghinis waren. Den großen Zwölfzylindern vom legendären Countach bis hin zum gerade abgelösten Murciélago fehlte das filigrane Wesen anderer italienischer Präzisionsmaschinen. Doch die Zeiten ändern sich. Spätestens seit Audi 1998 bei den Italienern eingestiegen ist, widmet man sich zunehmend der Liebe zum Detail. Und bereits der erste Kontakt mit dem Lamborghini Aventador bestätigt die neue Intensität dieser Arbeit.

MONOCOQUE AUS KARBON
Der Lamborghini passt. Das nur 1,14 Meter hohe, ganz aus Karbon gefertigte Monocoque kauert regelrecht auf dem Asphalt, doch selbst Großgewachsene finden im futuristisch gestalteten Cockpit Platz – nachdem sie sich durch den schmalen Einstieg ins Innere gefädelt haben. Die Sitze bieten festen Halt, das Lenkrad steht nah und senkrecht vor der Brust – perfekte Ergonomie für top Fahrzeugbeherrschung.

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Die auf TFT-LCD-Bildschirmen animierten Informationen lassen sich einwandfrei ablesen. Auch die Nähe zu Audi-Modellen in puncto Bedienung der Schalter und Tasten auf der Mittelkonsole ist eher ein Vorteil als ein Makel, vor allem in Bezug auf den Vorgänger. Neben guter Raumausnutzung – abgesehen von der miserablen Übersichtlichkeit – bietet das neue, extrem steife Monocoque die besten Voraussetzungen für exzellente Dynamik. Gerade einmal 147,5 Kilogramm wiegt die Kohlefaserstruktur. Und die vorderen sowie hinteren Hilfsrahmen aus Aluminium erhöhen das Gewicht lediglich um knapp 82 kg. Dennoch bringt unser Testwagen stolze 1795 Kilogramm auf die Waage – allerdings perfekt ausbalanciert. In bester Mittelmotorbauweise versammelt sich die Masse im Zentrum des Lamborghini Aventador: 44 Prozent lasten auf der Vorderachse, 56 Prozent hinten. Mittendrin schlägt das Herz des Italieners: zwölf Zylinder im V angeordnet. Kein Turbolader, sondern Drehzahlen sorgen für 700 PS. Dabei rotiert die Kurbelwelle des Kurzhubers mit bis zu 8250 Umdrehungen – eine Krönung des Motorenbaus.

Kaum mehr als ein Wimpernschlag vergeht, und der Lambo hat Tempo 100 erreicht. In Zahlen: 2,9 Sekunden. 200 km/h zeigt der eingeblendete Tacho nach sensationellen 8,9 Sekunden. Selbst darüber pressen die 700 PS und 690 Newtonmeter den Fahrer weiter tief in den Sitz. Das Limit liegt bei 350 km/h. Einziger Nachteil: der ungenierte Spritkonsum von 22,7 Litern pro 100 km.

Das Beschleunigungserlebnis wird dabei vom intensivsten Schalt-Vergnügen dominiert, das es derzeit im Supersportwagenbereich gibt. Lamborghini verzichtet auf ein schweres Doppelkupplungsgetriebe und verbaut das so genannte ISR-Getriebe (Independent Shifting Rod) mit nur einer Kupplung. Anders als bei einem normalen Getriebe liegen die Gänge nicht nebeneinander, sondern voneinander getrennt auf zwei Wellen. Vorteil: Während normale Getriebe nur nacheinander die Schaltvorgänge absolvieren, überlagert das von vier hydraulisch gesteuerten Schaltstangen geführte ISR-Getriebe das Herausnehmen und Einlegen der jeweiligen Gänge. Resultat: extrem kurze Schaltzeiten – insbesondere im Corsa-Modus.

INTENSIVE RÜCKMELDUNG
Der Lamborghini Aventador verheimlicht seinem Fahrer nichts. Jede Information aus dem Antriebsstrang gelangt genauso ungefiltert ins Innere wie sämtliche Fahrwerksreaktionen. Die Lenkung verlangt Kraft, zeigt dabei aber eine feine Präzision. Die Federelemente reagieren erstaunlich sensibel. Sie sind nicht am Radträger, sondern innenliegend in Pushrod-Bauweise an der Karosserie befestigt. Druckstangen (Pushrods) und Umlenkhebel übertragen hierbei die Kräfte vom Radträger auf die Federbeine. Der Allradantrieb (Haldex) sorgt für ultimativen Grip und verteilt das Drehmoment auch unter Volllast. Extrem stabil und erfreulich neutral erklimmt der Lamborghini seinen hohen Grenzbereich. Er verzahnt seine mächtigen Walzen regelrecht mit dem Asphalt und baut unglaubliche Querbeschleunigungen auf. Das Limit kündigt sich durch sanftes Übersteuern an – ein Fahrerlebnis, das seinesgleichen sucht.

Fazit

Der Aventador LP 700-4 schlägt ein neues Kapitel in der Lamborghini-Zwölfzylinder-Geschichte auf – er ist ein Meisterstück automobilen Schaffens und macht Schluss mit den weniger feinen Ahnen der Vergangenheit, die mit schierer Leistung mangelnde Präzision und Rückmeldung überdeckten. Der neue Aventador ist ein Präzisionswerkzeug vom Feinsten. 700 PS werden hier nicht zur unkontrollierbaren Macht, sondern zur erfahrbaren Faszination. Obendrein macht sich der Einfluss von Audi bei der Verarbeitung und den Materialien positiv bemerkbar. Da nimmt man das von den Ingolstädtern übernommene Bedienkonzept auf der Mittelkonsole gern in Kauf.

Michael Godde

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Bilder: Lamborghini Aventador LP 700-4

Lamborghini Aventador LP 700-4

PS/KW 700/515

0-100 km/h in 2.90s

Allradantrieb, permanent, 7 Gang Automatik

Spitze 350 km/h

Preis 312.970,00 €