Audi R8 2015 - Supersportwagen im Fahrbericht Mehr Sport wagen

10.07.2015

Im neuen Audi R8 2015 verspricht jede Landstraße einen Hauch von Le Mans-Gefühl. 24-Stunden in ihm können allerdings verdammt hart werden

Le Mans ist überall. Zumindest wenn man am Steuer des neuen Audi R8 sitzt. Nicht nur, dass die Idee vom ersten Superportwagen im Zeichen der Ringe in der Boxengasse des 24-Stunden-Rennens geboren wurde, als die Bayern 2002 ihren dritten Sieg in Folge eingefahren hatten. Sondern wenn jetzt im September zu Preisen ab 165.000 Euro die Auslieferung der zweiten Generation beginnt, dann soll sich der R8 noch mehr nach Rennstrecke anfühlen als bisher.

 

Audi R8 2015 - Supersportwagen im Fahrbericht

Weil der R8 in seinen acht Jahren über 200 Siege und insgesamt 26 Meistertitel eingefahren hat, weil Sport- und Straßenauto diesmal gemeinsam entwickelt wurden, und weil dabei mehr denn je die Rennfahrer das Sagen hatten, ist das Auto noch schärfer, noch präziser und noch kompromissloser als bisher. Das kann man bereits beim Blick auf die technischen Daten erahnen: Immerhin leistet der V10-Motor jetzt in der Grundversion schon 540 und als Audi R8 V10 plus für 187.400 Euro stolze 610 PS, mit denen der das Coupé in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 katapultiert und so mühelos über 250 km/h hinaus schießt, dass man ihm de 330 Spitze ungeprüft glaubt. Aber wirklich deutlich wird der Generationssprung erst, wenn man – ein paar Zentimeter tiefer als früher und näher am G-Punkt des Autos, hinter dem Lenkrad sitzt und spürt, wie präzise der Wagen jetzt einlenkt, wie gut man ihn in der Hand hat, wie leichtfüßig man mit ihm durch die Kurben tanzen und wie schnell man ihn dort wieder heraus beschleunigen kann.
 
Natürlich liegt das zum einen an der höheren Leistung des V10-Motors, der neuen siebenstufigen Doppelkupplung, die den Handschalter beim Generationswechsel gar vollends verdrängt, und den 50 Kilo, die Audi mit weiteren Karbonteilen noch aus der Aluminiumstruktur heraus geholt hat. Aber es liegt vor allem an einer neuen Quattro-Generation, mit der sich die Kraft jetzt tatsächlich zu 100 Prozent flexibel zwischen den Achsen verteilen lässt. Und auch wenn die Silhouette allenfalls von evolutionärem Designfortschritt kündet, sind obendrein der Luftwiderstand gesunken und im Gegenzug die Downforce gestiegen. Auch das hilft, wenn man es eilig hat auf einer kurvenreichen Strecke.
 
Und eilig hat man es gerne im R8. Immer wieder knallt der rechte Fuß wie ein Fallbeil aufs Gaspedal und der R8 macht noch einmal einen Satz. Während der Motor munter über 8000 Touren dreht, zählt der digitale Tacho schneller hoch, als das Auge schauen kann: 180, 200, 220, 250, 270 und nach oben ist noch reichlich Luft. Schneller war noch kein anderer Audi im Serientrimm, und mit keinem tut man sich so schwer, wenn man ihn langsam bewegen möchte. Wozu auch, wenn man für den Reiz des Rasens fast 190.000 Euro ausgegeben hat? Oder anders herum: Wer trinkt schon Selters, wenn der Sekt längst kalt steht?
 
Das Auto passt wie angegossen und fokussiert sich mehr denn je allein auf den Fahrer – und zwar nicht nur, weil unter der flachen Hutze im radikal entrümpelten Armaturenbrett das Virtual Cockpit aus dem TT steckt. Auch die Mittelkonsole umschmeichelt den Fahrer und alle wichtigen Schalter rücken direkt ins Lenkrad: Vier so genannte Satelliten, die je nach Perspektive an die Playstation oder die Formel1 erinnern, wachsen jetzt zusätzlich aus der Nabe, regeln die mittlerweile sieben unterschiedlichen Fahrprogramme, starten den Motor, öffnen den Klappenauspuff und schalten den R8 mit einem Knopfdruck in den Angriffsmodus. Dann sind alle Muskeln gespannt und alle Sinne geschärft und man fährt wie in Trance. Vor dem geistigen Auge ziehen Streckenabschnitte wie Hunaudières, Mulsanne, Arnage vorbei und jede Landstraße fühlt sich an, als wäre sie ein Teil des Rundkurses von Le Mans.

Wer es leiser mag, wartet auf den Audi R8 e-tron

Messerscharf und bitterböse und trotzdem kinderleicht zu beherrschen – so spreizt Audi den Spagat zwischen Autobahn und Rennstrecke noch ein bisschen weiter und treibt den R8 mit Macht in die Zukunft. Nur beim Antrieb haben sich die Bayern dem Fortschritt verschlossen. Wo alle Welt mittlerweile auf Downsizing schwört und Hubraum durch Lader ersetzt, röhrt im Heck des Tieffliegers auch weiterhin ein sündiger Sauger. Der spricht nicht nur schneller an und packt aggressiver zu. Sondern er klingt einfach auch besser, wenn man die Drehzahl bis ans Limit hochzieht und erst jenseits von  8500 Touren die Warnleuchten durchs virtuelle Cockpit flackern. Da wird der Motor zum Musikinstrument und Heavy Metall plötzlich salonfähig. Und für die Ökos gibt es ja bald doch noch einen R8 e-tron, der dann mit New Age-Sound durch die Boxengasse surrt.
 
So fokussiert man den R8 allerdings im Kampfmodus fahren kann, so entspannt lässt sich das Auto auch im Alltag bewegen. Zumindest in der Theorie. Denn es braucht schon viel Selbstbeherrschung und –disziplin, um den Drive Selektor auf Komfort zu drehen und den Fuß vom Gas zu nehmen. Klar, kann man dann Annehmlichkeiten wie die Bang & Olufsen-Anlage genießen, sich an der liebevollen Landschaft aus blankem Aluminium und feinem Leder ergötzen oder sich in die elektronische Hängematte des Heeres von Assistenzsystemen legen. Aber mal ehrlich: Wer will in einem Sportwagen wie diesem schon Musik hören? Wer achtet auf die Materialauswahl? Wer braucht einen Tempomat, wenn er doch am liebsten die ganze Zeit Vollgas geben möchte? Und wen zur Hölle interessiert der Kofferraum? Mehr als eine Tankkarte und ein trockenes Hemd braucht hier doch ohnehin keiner. Nur die Sache mit dem softeren Fahrwerk ist vielleicht gar nicht so schlecht, selbst wenn man eigentlich nur Le Mans im Sinn hat. Denn 24 Stunden können sonst verdammt lang werden.

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