Audi R18 TDI im Tracktest Audi R18 TDI im Tracktest

22.02.2012

Mit dem neuen Diesel-Sportprototypen R18 TDI triumphierte Audi 2011 bei den 24 Stunden von Le Mans. Wir fuhren den Siegerwagen

Die Fronthaube des Audi R18 TDI zeigt Spuren eines Einsatzes – zahllose kleine Steinschläge haben die silberne Karosserie erkennbar gezeichnet. Es ist jene Art von Patina, die sich an einem Wagen erst nach etlichen Rennrunden findet. „Das ist das originale Le Mans-Siegerauto“, erklärt Wolfgang Ullrich. Der Audi-Motorsportchef lächelt bei diesem Satz vielsagend und fügt hinzu: „Bitte mit dem nötigen Respekt behandeln.“ Die Botschaft ist klar: Ausrutscher sind bei den Testrunden heute schlicht tabu. Hier steht das jüngste Stück Audi-Motorsport-Historie – und natürlich ist der Platz im werkseigenen Museum für diesen Wagen schon reserviert, seit er im Juni den französischen Langstrecken-Klassiker nach einem dramatischen Rennen gewann.

MIT BEDIENUNGSANLEITUNG
Die Annäherung an den Audi R18 TDI beginnt mit einer Pflichtlektüre: 22 Seiten umfasst die Bedienungsanleitung für den Sportprototypen, alle Werksfahrer erhalten dieses Booklet vor ihrem Einsatz. Die Audi-Truppe überlässt wenig dem Zufall. Le Mans-Erfolge sind auch immer das Ergebnis perfekter Vorbereitung und Organisation.

Auf den theoretischen Teil folgt die Einführung in die Praxis: Marcel Fässler, der den Audi gemeinsam mit André Lotterer und Benoît Tréluyer zum Sieg bei den 24 Stunden pilotiert hat, dreht mit mir zwei Runden in einem Straßenauto um den Kurs im italienischen Misano. Der Schweizer erklärt die Ideallinie und verrät die passenden Bremspunkte. „In der Spitzkehre schalte ich in den ersten Gang“, sagt der 35-Jährige. Die Le Mans-Übersetzung des Sechsgang-Getriebes ist für diesen eher winkeligen Kurs eigentlich ein wenig zu lang. Doch mir bleibt keine Zeit, über dieses Detail nachzudenken, als wir an die Boxen zurückkehren. Denn hier wartet schon der Audi R18 TDI auf mich.

Also Helm aufsetzen und einsteigen – doch das ist einfacher gesagt als getan. Im Gegensatz zu seinen erfolgreichen Vorgängern ist der Audi R18 TDI kein offener Zweisitzer, sondern ein Coupé. Der Türausschnitt ist relativ knapp und das Cockpit eng, entsprechend schwierig gestaltet sich der Einstieg. Immerhin passt mir die Sitzschale von Marcel Fässler erstaunlich gut. Ich werde angeschnallt. Und während ein Mechaniker die Fahrertür schließt, gibt mir Leena Gade per Funk letzte Anweisungen. Die Renn-Ingenieurin war auch in Le Mans für dieses Auto verantwortlich. „Kupplung treten und Motor starten“, sagt die Britin. Mit Standgas lässt sich der Audi problemlos in Bewegung setzen. Eine echte Schwierigkeit zeigt sich hingegen schon auf den ersten Metern: Die Sicht für den Fahrer ist fast erschreckend schlecht – die A-Säule und die hohen Kotflügel schränken das seitliche Blickfeld stark ein. Hinter einem Führungsfahrzeug mit Fotografen absolviere ich eine langsame Runde, bevor es wieder an die Boxen geht.

V6-MOTOR MIT ÜBER 550 PS
Das Auto wird aufgebockt, und die Mechaniker montieren einen Satz vorgewärmter Reifen. Leena Gade erklärt mir inzwischen, wie ich die Einstellungen von Motormanagement und Traktionskontrolle per Drehknöpfe am Lenkrad einstellen soll. Nach der Runde im Pace-Car-Modus mit reduzierter Leistung darf ich nun gleich die volle Kraft des V6-Zylinder-TDI abrufen. Audi nennt zurückhaltend einen Wert von „über 550 PS“ und mehr als 900 Nm Drehmoment für den 3,7-Liter-Motor. Ich bekomme erneut die Startfreigabe und rolle vorsichtig aus der Boxengasse. Noch immer irritieren mich die ungewohnten Sichtverhältnisse. Doch jetzt muss ich trotzdem versuchen, möglichst schnell einen Rhythmus zu finden, bevor die Reifen zu stark abkühlen.

Während ich in Richtung erste Kurve beschleunige, trete ich mit dem linken Fuß immer wieder das Bremspedal, um die Kohlefaser-Scheiben auf Betriebstemperatur zu bringen. Drei langsame Kurven – und dann die erste längere Gerade: Das Wort Zeitraffer umschreibt ungefähr die Wirkung von Vollgas bei diesem Sportprototypen. Die Schaltlampen blitzen rasend schnell vor mir auf und mahnen zum Gangwechsel. Doch auch nach jedem Griff zur Schaltwippe hält der gewaltige Schub ohne Unterbrechung unvermindert an.

Die Bremsen machen die Fahrt im Audi R18 TDI endgültig zu einem unvergleichlichen Erlebnis: Die mögliche Verzögerung ist atemberaubend – vorausgesetzt, dass der Fahrer entsprechend nachdrücklich mit dem Pedal umgeht. Dabei zeigt sich die Bremsanlage perfekt dosierbar. Die Telemetriedaten attestieren mir später eine maximale Verzögerung von 2,56 g – ein Wert, der auf dem Niveau von Le Mans-Sieger Fässler liegt.

GRENZERKUNDUNG
Wie alle herausragenden Rennwagen vermittelt der Audi dem Piloten ein Gefühl von Sicherheit, das zum Erkunden des persönlichen Grenzbereichs ermuntert. In engen Kurven untersteuert der R18 TDI spürbar, in mittelschnellen Ecken ist das Fahrverhalten deutlich neutraler. Während mein Speed hier teilweise erfreulich nah an Fässlers Tempo ist, sind die Differenzen in den schnellen Kurven überdeutlich – schon der Respekt vor diesem Auto verbietet zweifelhafte Versuche jenseits der 270 km/h. Und so stelle ich das Siegerauto schließlich wieder an den Boxen ab – ohne einen Kratzer. „Ich hatte nichts anderes erwartet“, grinst Audi-Motorsportchef Wolfgang Ullrich. Vielen Dank für diesen Optimismus.
Dieter Serowy

TECHNISCHE DATEN
Audi R18 TDI

ANTRIEB
Motor: V6-Zylinder, 4-Ventiler, Turbodiesel, Partikelfilter; Hubraum: 3700 cm³; Leistung: über 397 kW / 550 PS; Max. Drehmoment: über 900 Nm; Getriebe: 6-Gang, sequenziell, elektrisch; Antrieb: Hinterrad

FAHRWERK
Monocoque aus Karbonfasern mit Aluminiumwabenkern; rundum: Doppelquerlenker, Pushrod-System mit Drehstabfedern, einstellbare Stoßdämpfer; ASR; Bremsen: rundum: innenb. Kohlefaser-Bremsscheiben

ECKDATEN
L/B/H: 4650/2000/1030 mm; Gewicht: 900 kg

AUTO ZEITUNG

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