Alfa Romeo GTAm & BMW 2002 ti: Vergleich Auf Herz und Niere

05.10.2014

Sie sind mehr als Tourenwagen-Legenden, sie dominierten über Jahre: Alfa Romeo GTAm und BMW 2002 ti errangen unzählige Siege und prägen die sportive DNA ihrer Marken bis heute. Vergleich

Fünfter Gang, Vollgas – und das am Flugplatz, einem der ganz schnellen Streckenabschnitte der legendären Nordschleife des Nürburgrings. Der Inka-farbene BMW 2002 ti mit matt-schwarzen Hauben schiebt sich hier mit viel Herz innen über die Curbs am schneeweißen Alfa Romeo GTAm vorbei und bringt die bayerische Niere aus dem Windschatten nach vorne.

Beim Führungswechsel brüllen und röhren die zusammenrund 400 PS der beiden Tourenwagenboliden aus dem Jahr 1971 unter Volllast wie eine aufgebrachte Herde Stiere. Erinnerungen an die große Zeiten der Tourenwagen-Europameisterschaft Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre werden wach.

Pünktlich zum Auftakt der Europameisterschaft 1971 am 14. März im königlichen Park von Monza erfolgte eine neue Divisionseinteilung: bis 1300 Kubik Division 1, von 1301 bis 2000 Kubikzentimeter Division 2 und über zwei Liter Hubraum die Division 3. Und es wurde in den acht Läufen jenes Jahres so spannend zwischen den Marken Alfa Romeo, BMW und Ford wie nie zuvor.

Starterfelder mit mehr als 100 Tourenwagen waren in dieser Zeit keine Seltenheit, ebenso wenig wie die epischen Langstreckenduelle zwischen BMW und Alfa Romeo wie etwa bei 24-Stunden-Distanzen wie im belgischen Spa-Francorchamps.

Alfa Romeo holte sich in jener Saison mit der Idealpunktzahl von 54 Zählern aus sechs gewerteten Rennen (der Sieger erhielt damals neun Punkte) und drei Streichresultaten die Europameisterschaft sowohl in der Division 1 und 2, während Ford in der großen Klasse triumphierte.

BMW kam mit 28 Wertungspunkten damals auf Rang drei in der Division 2 und wurde in der Division 3 mit 37 Punkten Zweiter – denn die große Zeit der 02er begann damals erst.


TOURENWAGEN-DUETT: RÖCHELN UND BELLEN IM FAHRERLAGER


43 Jahre später geben sich zwei Hauptdarsteller aus der damaligen Division 2 ein stilechtes Stelldichein im historischen Fahrerlager unter der Nürburg: Alfa Romeo GTAm und BMW 2002 ti treffen im eifeltypischen morgendlichen Nieselregen aufeinander. Beide rollen auf ihren Semi-Slicks in der Größe 205/60 R 13 von ihren Trailern. Die Reifengröße ist aber auch schon das Einzige, was an beiden gleich oder austauschbar ist.

Beim Alfa sind die Pneus auf Felgen der Größe 8 x 13 Zoll aufgezogen, beim BMW sind die 7 x 13 Zoll-Felgen etwas schlanker. Nach dem Anlassen der Motoren und den kurzen Gasstößen, mit denen die Triebwerke behutsam auf Betriebstemperatur gebracht werden, wird schnell klar, dass hier unter den Hauben im Vergleich zur Serie kein Stein auf dem anderen geblieben ist.

Vorn schlürfen beide lautstark aus offenen Ansaugtrichtern, und im Heck bellen die Auspuffanlagen ihr Stakkato in den schönsten Basslagen. Wer dieses
Tourenwagen-Duett hört, weiß, was die Fans heute in der Formel 1 schmerzlich vermissen. Alfa Romeo konzipierte und baute den GTA von 1965 bis 1975 für sportliche Einsätze.

Das Kürzel GTA bedeutet „Gran Turismo Alleggerita“, wobei das letzte Wort aus dem Italienischen übersetzt „erleichtert“ bedeutet: konsequenter Leichtbau mit dem Ziel, Erfolge im Tourenwagensport einzufahren. Durch die Verwendung von Aluminiumlegierungen und einer spartanischen Inneneinrichtung reduzierte sich das Leergewicht der GTA gegenüber der Serie um rund 200 auf 745 Kilo.

Die sichtbaren Karosseriebleche wurden dabei aus Peraluman gefertigt und mit Nieten auf dem stählernen Unterbau befestigt; diese Nieten sind bei originalgetreu erhaltenen Fahrzeugen beispielsweise entlang der Dachkanten hinter den Regenrinnen deutlich erkennbar.

Original baute Alfa Romeo ab 1967 nach dem Erscheinen des 1750/2000 GT Veloce nur 40 Stück des 1750 GTAm mit der Zweiliter-Maschine. Darauf weist in der Typenbezeichnung das kleine m hin, das für „maggiorata“ (vergrößert) steht.

Vor fünf Jahren erfüllte sich Alfa-Fan Ralf Voggenreiter seinen persönlichen Traum und verwandelte mit fachmännischer Hilfe einen normalen Alfa Romeo Bertone in diese betörend hübsche GTAm-Replika, die er seit 2009 erfolgreich in der FHR-Langstreckencup einsetzt. Bei Jürgen Eckert Motorsport entstanden die breite, aber überaus leichte (920 Kilo) Karosserie und der potente und standfeste Motor.

So wird das bekannte Doppelnockenwellen-Triebwerk von zwei 45er Weber-Doppelvergasern beatmet. Rund 200 PS statt der serienmäßigen 131 im Zweiliter drückt der Alfa auf die Rolle des Motorenprüfstands. Und 38 Kilogramm Zusatzballast schraubt Voggenreiter vor dem Start ins Auto, damit er überhaupt auf das geforderte Mindestgewicht kommt.

Mechanisch gab es das volle Tuning-Programm, was nach dem zeitgenössischen Anhang K von 1971 erlaubt und möglich war.

Im Telegrammstil: schärfere Nockenwellen, andere Kolben, größere Ventile, leichterer Ventiltrieb, optimierte Kurbelwelle, Hochleistungs-Alukühler, 100-Liter-Sicherheitstank und die Bremsanlage vom Porsche 911 S machen aus dem eh schon munteren Bertone einen agilen und flinken Tourenwagen für den historischen Motorsport, der beim Einsatz vom Team TEC Alfa rund um Wolfgang Kuhn betreut wird.

Mit kurzer Achsübersetzung erreicht der weiße Renner, dessen Tacho und Drehzahlmesser von Schlangenlederapplikationen („Das Auge fährt mit!“) eingefasst sind, in der Spitze rund 215 km/h. Die Felgen indes sehen nur so aus, als wären sie wie damals aus Magnesium gefertigt. „Das wäre heute im Rennen viel zu gefährlich“, erklärt Ralf Voggenreiter den Einsatz von Aluminiumfelgen im Originaldesign.

 

RALLYE UND RUNDSTRECKE KENNT DER BMW SEIT 20 JAHREN

Mit vergleichbar hohem technischen Aufwand wurde auch der BMW 2002 ti von Alfred Haspel aufgebaut. Der von Haus aus leichte (990 Kilo) Wagen speckte durch den Einsatz von Kunststoff-Hauben vorn und hinten noch einmal gut 20 Kilo ab.

Mit fachmännisch leergeräumtem Innenraum und stabilem Überrollkäfig sowie Rennwagen-mäßig nach dem Motto „form follows function“ auf das Wesentliche reduzierten Bedienelementen ist dieser BMW 2002 ti seit gut zwei Jahrzehnten im historischen Motorsport unterwegs.

Nicht nur auf der topfebenen Rundstrecke unterwegs, wurde der Inka-Schwarz lackierte BMW auch im durchaus materialfordernden Rallye-Einsatz über Schotter- und Feldwege gehetzt. Motor und Getriebe teilen sich lediglich noch die Gehäuse mit dem Serien-Pendant.

48er Weber-Doppelvergaser mit fast unanständig großen und offenen Trichtern kümmern sich unter der voluminösen Domstrebe um die Gemischaufbereitung des M10-Vierzylinders, der mit einer obenliegenden Nockenwelle im Leichtmetall-Zylinderkopf und fünffach gelagerter Kurbelwelle für ordentlichen Vortrieb sorgt.

Anders als beim Alfa Romeo GTAm, der ausschließlich bei Autodelta gebaut wurde, gilt der BMW 2002 ti als freundlicher Geburtshelfer einiger renommierter BMW-Veredler. Koepchen, Schnitzer, Alpina und GS-Tuning errangen ihre ersten und zahlreiche Erfolge mit den von ihnen vorbereiteten und getunten 2002 ti, der damit auch den soliden Grundstein für den langjährigen Markterfolg bei seinen Tunern legte.

Mit dem Kürzel ti, das für „turismo internazionale“ steht, kennzeichneten die Münchener ab 1967 die leistungsstärkeren Versionen ihrer 02er-Reihe. Der 2002 ti debütierte mit 120 PS 1968 und blieb bis 1972 im Programm von BMW. Schon zwei Jahre vor seiner Markteinführung sorgte BMW für Furore auf dem Nürburgring und demonstrierte eindrucksvoll sein Motorsportpotenzial.

Mit Hubert Hahne am Steuer durchbrach ein BMW 2000 ti am 6. August 1966 als erster Tourenwagenfahrer mit einer Rundenzeit von 9:58,5 Minuten die 10-Minuten-Schallmauer auf der Nordschleife.

1971 waren BMW 2002 ti und Alfa Romeo GTAm dann reinrassige Wettbewerbs-Tourenwagen auf höchstem Niveau und auf Augenhöhe, jedoch mit deutlich unterschiedlichen Zukunftsperspektiven. Während die großen Alfa im Zenit ihrer Laufbahn standen, sollte die große Zeit der 02er BMW erst noch kommen.

BMW lieferte sich bis Mitte der 70er-Jahre ein Kopf an Kopf-Rennen mit Ford um die europäische und deutsche Tourenwagenkrone (DRM). Alfa Romeo hingegen sammelte mit dem GTA nur noch Erfolge in der 1300er Klasse und verlor Schritt für Schritt den Anschluss an die europäische Spitze.

 

NIETEN WOHIN DAS AUGE BLICKT

Stehen beide Tourenwagen-Ikonen friedlich nebeneinander in den historischen Garagen des alten Fahrerlagers am Nürburgring, sieht man beiden die unterschiedlichen Lebensphasen auch an. Das Design der beiden Renner könnte unterschiedlicher nicht sein.

Die klare und schnörkellose Linienführung des 2002 ti sieht auch mit den genieteten Kotflügelverbreiterungen deutlich moderner aus als die reizende Karosserie des Alfa Romeos Coupés, die eigentlich nur aus Rundungen zu bestehen scheint. Verbreiterungen, wohin das Auge blickt. Rundum schaffen Blindnieten die dauerhafte Verbindung zwischen Radhäusern und Verbreiterungen.

Hier ist das von Bertone gezeichnete Coupé nicht zu schlagen: Wunderschön haben die Karosseriebauer jede Seite des GTAm mit 86 silberfarbenen Nieten in zwei unterschiedlichen Größen dekoriert. Da bleibt dem 2002 ti aus München nur Platz zwei, auch wenn seine Verbreiterungen ebenfalls mit schwarz eloxierten Blindnieten versehen sind – aber nur mit 33 pro Seite.

Ein Blick auf die Armaturenbretter der beiden Leistungssportler eröffnet fast seriennahe Perspektiven. Gut bürgerlich informieren den BMW-Piloten die drei Rundinstrumente.

Ein vergleichbares Bild im Alfa: Hier sind es die beiden großen Runduhren, die wie beim Straßen-Bertone über Geschwindigkeit und Drehzahl Auskunft geben. Individuell ist jedoch die Schlangenledereinfassung von Tacho und Drehzahlmesser.

Motorsport ist halt nicht nur hochgezüchtete Technik, Motorsport ist immer auch Herz und Leidenschaft für Rennwagen, Strecken oder Fahrer. Jeder Sieg geht unter die Haut, und die engen Erfolge behält man in Erinnerung – egal, ob das Mailänder Scudetto oder die Münchener Niere vorne lag.

Alfa Romeo GTAm (Bj.: 1971): Technische Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zyl.; 2-Ventiler; zwei obenl. Nockenwellen; Gemischaufber.: zwei Doppelvergaser Weber; Hubraum: 1985 cm3; Leistung: ca. 147 kW/200 PS bei 7500/min; max. Drehm.: k.A.; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk1
Selbsttragende Stahl-/Alu-Karosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, Stabilisator; hinten: an Längslenkern geführte Starrachse, Reaktionsdreieck; v./h. Schraubenfedern, Stoßdämpfer; Bremsen: v./h. Scheiben; Reifen: 205/60 R 13; Räder: 8 x 13
Eckdaten1
L/B/H: 4080/1668/1320 mm; Radstand: 2350 mm; Leergewicht: 900 kg; Baujahr: 1971; Stückzahl: 40; Preis (1971): k.A.
Fahrleistungen
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h k. A.; Höchstgeschwindigkeit: 200-225 km/h (je nach Übersetzung)
1Werksangaben für Alfa GTAm

BMW 2002 ti (Bj.: 1968-72): Technische Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zyl.; 2-Ventiler; eine obenl. Nockenwelle; Gemischaufber.: zwei Doppelvergaser Weber; Hubraum: 1990 cm3; Leistung: ca. 147 kW/200 PS bei 6500/min; max. Drehm.: k.A.; Viergang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk1
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, McPherson- Federbeine; Stabilisator; hinten: Schräglenker, Schraubenf., Stoßdämpfer; Bremsen: v./h. Scheiben; Reifen: 205/60 R 13; Räder: 7 x 13
Eckdaten1
L/B/H: 4230/1590/1410 mm; Radstand: 2500 mm; Leergewicht: 900 kg; Bauzeit: 1968-1972; Stückzahl: 16.448; Preis (1971): k.A.
Fahrleistungen
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h k. A.; Höchstgeschwindigkeit: 200-225 km/h (je nach Übersetzung)
1Werksangaben für BMW 2002 ti (bis auf Reifen und Räder)

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Udo Freialdenhofen

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