Alfetta GTV 2.0 L & Alfa GTV6 2.8 Gleich-Tuning: Sportcoupes im Fahrbericht Herz und Seele

08.09.2014

Wenige Youngtimer verbinden Sportsgeist und modischen Stil so gut wie die Alfetta Coupés. Fahrbericht über zwei dezent frisierten Exemplare

Schöne Augen, ein anmutiges Näschen, eine schlanke Taille und ein straffer, knackiger Hintern, dazu lebhaftes Temperament und eine Körpersprache, die junge Männer um den Verstand bringen kann – hätte es vor 40 Jahren den Wettbewerb „Italy’s Next Topmodel“ gegeben, die Alfetta GT wäre ohne nennenswerte Gegenstimme gewählt worden.

Das hinreißende Blechkleid aus dem Modehaus Italdesign Giugiaro steht ihr natürlich blendend, es betont ihre sportliche Figur und lässt sie langbeiniger erscheinen, als sie es tatsächlich ist. Die großzügige Verglasung verführt zur näheren Betrachtung wie ein einladendes Dekolleté.

In den 70ern fuhren die Coupés nicht mit hochgeschlossenen und thermoisolierten Fensterfronten herum wie heute. Sie zeigten sich offenherziger. Von den optischen Reizen der Signorina Alfetta ausgelöste Frühlingsgefühle verwandelt die Sonneneinstrahlung eines lauen Frühlingstages glatt in Hitzewallungen.

Das ist jedoch nicht der alleinige Grund, weshalb ihre Liebhaber bei jeder Gelegenheit mit weit geöffneten Seitenfenstern herumfahren.

 

KRAFTVOLLE MOTOREN MIT GESANGSTALENT

Die Alfetta GT ist nämlich auch mit betörend melodischem Gesang gesegnet, und ihrer Zwei-Oktaven-Stimme zu lauschen, wenn sie die Tonleiter des Drehzahlmessers rauf und runter trällert, gehört zu den Wonnen eines Alfetta-Lovers, welche die Lebensgefährten musikalisch untalentierter Youngtimer bestenfalls erahnen können.

Spezielle Lebensfreude vermitteln die Modellversionen, deren GT-Initialen um ein „V“ für den Künstlernamen „Veloce“ ergänzt wurden, zum Beispiel die hier vorgestellten Exemplare. Für den Wohlklang spielt es dabei keine Rolle, ob unter der Motorhaube ein Zylinder-Quartett oder ein Sextett die Alfa-Hymne schmettert.

Ob vier oder sechs Tenöre, das gutturale Timbre ist stets das gleiche. Bei Vollgas hört sich der Doppelnocker an, als rufe er laut den Namen seiner Familie. Das „R“ in „Alfa Romeo“ rollt dabei durch seine Ansaugkehlen und erzeugt zweierlei: ein anhaltendes Echo im Auspufftrakt und eine nicht minder nachhaltige Gänsehaut auf den Unterarmen der Zuhörer.

Das Coupé rollte 1979 als GTV 2.0 L in der exzentrischen Original-Kombination Metallicblau mit lachsfarbenen Velourspolstern vom Band – als gelte es, jedem Passanten seinen Namenszusatz „L“ für „Lusso“ vor Augen zu führen. Ganz unbedeutend ist dieser Buchstabe tatsächlich nicht, denn der GTV Lusso-Motor mobilisiert ab Werk dank schärferer Nockenwellenprofile saftige 131 PS und verbündet sich mit einem kurz abgestuften Fünfgang-Getriebe, um Alfas Gran Turismo für die Mittelschicht in einen verkappten Sportwagen zu verwandeln.

Echte 190 km/h Höchstgeschwindigkeit waren Ende der 70er-Jahre ein starkes Statement, als das Heer der jungen GTI sich noch an der 180-km/h-Marke die Zahnriemenzähne ausbiss.

Der Drehzahlmesser liegt optimal im Blickfeld, doch auch wer nur nach Gefühl und Gehör hochschaltet, hält den Alfa fast wie von selbst immer im richtigen Drehzahlbereich zwischen 3000 und 5000/min. Die volle Motorleistung fällt früh an, und es genügt ein energischer Pedaldruck, um sie abzurufen. Das Getriebe verlangt dabei in typischer Alfa-Manier ein gefühlvolles, geduldiges Händchen, dann rasten die Gänge leicht und präzise ein.


TECHNIK-LECKERBISSEN: DIE TRANSAXLE-BAUART


Soviel Agilität weckt den Wunsch nach einem kompetenten Fahrwerk, und auch auf diesem Sektor gönnte uns Alfa in den 70ern noch einen Leckerbissen: Die Mailänder Spitzenköche kredenzten das von Lancia schon in den 50ern perfektionierte Transaxle-Menü mit hinten montierter Getriebe-Differential-Einheit und innenliegenden Scheibenbremsen an einer De Dion-Hinterachse.

Alfa variierte diese Gourmetkost und garnierte das Ganze mit Schräglenkern und Schraubenfedern anstelle der Längsblattfedern bei Lancia.

Der theoretische Vorteil dieser Bauart manifestiert sich in einer perfekt ausgeglichenen Gewichtsverteilung, der praktische in einem mustergültigen Fahrverhalten, was neben den Alfetta-Besitzern auch jeder Fahrer eines zeitgenössischen Frontmotor-Transaxle-Porsche bestätigen wird.

Die Kombination aus Agilität beim Einlenken und Stabilität bei hohen Kurventempi macht einfach Spaß und entschädigt großgewachsene Fahrer für die affenartige Sitzposition mit angewinkelten Beinen dicht am Frontscheibenrahmen. Es fühlt sich an, als säße man in einem Mittelmotorauto. Doch wer Schönheit will, muss leiden können.

15-Zoll-Räder und stärkere Drehstabfedern an der Vorderachse erhielt der GTV erst mit dem Facelift 1980. Unser 79er Fotomodell kam nachträglich in den Genuss dieses Upgrades, und es hat ihm nicht geschadet. Lenkpräzision und Handlichkeit genügen selbst heutigen Ansprüchen, und der Federungskomfort ist langstreckentauglich. Wie wäre es denn mit noch etwas mehr Leistung?

Das dachte auch Alfa und entschied sich nach Kleinserien-Versuchen mit einem Turbo-Vierzylinder und sogar dem 2,6-Liter-V8 des Alfa Montreal 1981 für den Motor des damals neuen Alfa 6. Der GTV6 markierte fortan die Spitze im Serienprogramm.

Manchem Zeitgenossen reichten jedoch auch 158 PS nicht aus, und der Tuner Dieter Gleich wusste Rat: Er bohrte den so genannten Arese-V6 ordentlich auf und entwickelte daraus einen 2,8-Liter-Motor, und diese Version ist heute die große Liebe fast aller GTV-Enthusiasten.


DER 2.8ER HÄNGT LUSTVOLL AM GAS UND KLINGT HINREISSEND


All das, was schon den 2.0 L zu einem sehr vergnüglichen Auto macht, kann der Gleich-GTV6 noch eine ganze Klasse besser: Er hängt lustvoll am Gas, liegt souverän auf der Straße und untermalt jeden Zwischenspurt mit solch hinreißendem Sound, dass die 191 PS sich glatt anfühlen wie 250.

Wer nachvollziehen möchte, warum so mancher Alfa vor 30 Jahren doppelt soviel Emotionen weckte als fast jedes vergleichbare Auto, das nördlich der Alpen vom Band lief, muss sich nur diesen GTV6 zu Gemüte führen. Die innige Beziehung der GTV Fans zu ihren eigenen Fahrzeugen führte dazu, dass es heute fast keine im Originalzustand befi ndlichen Exemplare mehr gibt.

Die meisten sind aufgerüstet worden; einige tragen sogar einen Dreiliter-V6 unter der Haube, wie er in Südafrika 1984/85 tatsächlich werksseitig zum Einsatz kam. Das hier gezeigte Auto ist hingegen ein seltener Fall von „optischem Downsizing“, denn der Besitzer entschied sich, dass von Gleich gleich mitgelieferte Spoiler-Paket des Hauses Zender gegen die doch dezenteren Anbauteile des Basis-GTV6 auszutauschen.

So entstand gewissermaßen ein Wolf im Schafspelz, denn wer dieses gut 220 km/h schnelle Coupé unterschätzt, der kann sein rotes Wunder erleben. Haben Sie Lust auf einen GTV bekommen? Dann richten Sie sich auf eine geduldige Suche ein.

Exzellent erhaltene Autos sind selbst in Italien rar geworden, doch wer keine Scheu davor zeigt, auch größere Pflegeaufgaben selbst in die Hand zu nehmen, wird auch für rund 10.000 Euro noch Fahrzeuge mit brauchbarer Substanz vorfinden. Wie von einem Italiener nicht anders zu erwarten, empfi ehlt sich als erster Schritt die Aufnahme in die große Alfa Club-Familie.

ALFA ROMEO ALFETTA GTV 2.0 L (Bj.: 1979-80): Technische Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zylinder aus Leichtmetall; vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; zwei obenl. Nockenwellen, Kettenantrieb; Gemischbildung: zwei Doppelvergaser Dell ’Orto; Bohrung x Hub: 84,0 x 88,5 mm; Hubraum: 1962 cm3; Verd.: 9,0; Leistung: 96 kW/131 PS bei 5400/min; max. Drehmoment: 178 Nm bei 4000/min; Fünfgang-Getriebe (Transaxle); Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Stahlkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Dreieckquerlenker, Drehstabfedern, Stabilisator;
hinten: De Dion-Achse, Wattgestänge, Zugstreben, Schraubenfedern; v./h. Teleskopdämpfer; Zahnstangenlenkung; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: v./h. 185/70 R 14; Leichtmetall-Räder: v./h. 5,5 x 14
Eckdaten
L/B/H: 4205/1664/1330 mm; Radst.: 2400 mm; Spurweite v./h.: 1360/1358 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1110/1450 kg; Tankinhalt: 54 l; Bauzeit: 1979 bis 1980; Stückzahl: 26.108; Preis (1979): 24.490 Mark
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 10,1 s; Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h; Verbrauch: 10,7 l/100 km
1Messwerte GTV 2.0 aus AZ 11/1982
ALFA GTV6 2.8 GLEICH-TUNING (Bj.: 1982-86): Technische Daten und Fakten
Antrieb
V6-Zyl. aus Leichtmetall; vorn längs; 2-Ventiler; eine obenl. Nockenwelle je Zylinderbank, Kettenantrieb; Gemischbildung: el. Benzineinspritzung Bosch; Bohrung x Hub: 93,0 x 68,3 mm; Hubraum: 2784 cm3; Verd.: 10,5; Leistung: 141 kW/191 PS bei 6300/min; max. Drehmoment: 242 Nm bei 4200/min; Fünfgang-Getriebe (Transaxle); Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Stahlkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Doppelquerlenker, Drehstabfedern, Stabilisator;
hinten: De Dion-Achse, Wattgestänge, Zugstreben, Schraubenfedern; v./h. Teleskopdämpfer; Zahnstangenlenkung; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: v./h. 195/60 R 15; Leichtmetall-Räder: v./h. 6 x 15
Eckdaten
L/B/H: 4260/1664/1330 mm; Radstand: 2400 mm; Spurweite v./h.: 1364/1330 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1255/1550 kg; Tankinhalt: 56 l; Bauzeit: 1982 bis 1986; Stückzahl: k.A. (Basis: 10.912 GTV6 2.5i 1983 bis 1986); Preis (1982): 36.990 Mark (Basis: 32.990 Mark)
Fahrleistungen
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in ca. 8 s; Höchstgeschwindigkeit: ca. 225 km/h; Verbrauch: ca. 14 l/100 km

Unser Fazit

Es muss nicht immer Giulia sein. Ein fein erhaltenes Exemplar der Alfetta GT-Baureihe vermittelt genauso viel Fahrfreude und ist mit dem begeisternden V6-Zylinder selbst an heutigen Maßstäben gemessen ein schnelles und fahrsicheres Auto. Die Transaxle-Bauweise und das sehr prägnante Giugiaro-Design erheben die Alfetta GT 40 Jahre nach ihrem Debüt in den Rang eines echten Meilensteins der Marke, dem nur wenige der nachgeborenen Alfa-Romeo-Modelle das Wasser reichen können.

Karsten Rehmann

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