Alfa Romeo 4C, Lotus Elise S & Porsche Cayman: Faszination Auto König der Berge

04.03.2014

Auf kurvigen Alpenstraßen entscheidet nicht allein die Motorleistung über Sieg oder Niederlage, sondern das Leistungsgewicht. Der nur 895 Kilo schwere neue Alfa Romeo 4C startet gegen Lotus Elise S und Porsche Cayman

Für tot erklärt, demnächst an VW verkauft – die Zukunft von Alfa Romeo im italienisch-amerikanischen Fiat-Chrysler-Konzern wird regelmäßig in düsteren Farben gemalt. Dabei ist es wie in einem guten Italo-Western: Den Helden darf man nicht abschreiben, solange nicht die letzte Patrone verschossen  ist. 

Ein verdammt scharfer Schuss ist Alfa jetzt mit dem neuen 4C gelungen. Beim kleinen Coupé wurde buchstäblich Ballast über Bord geworfen: Mit Kohlefaser-Monocoque, agilem Vierzylinder-Turbo und Doppelkupplungsgetriebe kommt der Alfa auf ein Gewicht von nur 895 Kilogramm und ein Leistungsgewicht von 3,7 kg/PS. Da können seine sportlichen Rivalen der 50.000-Euro-Liga in diesem exklusiven Vergleich nicht ganz mithalten: Der Porsche Cayman bringt es zwar auf 275 PS, dafür stehen 1340 Kilogramm auf der Waage – das ergibt ein Leistungsgewicht von 4,9 kg/PS. Und sogar die Elise S vom britischen Leichtbauspezialisten Lotus kommt auf 4,4 kg/PS. 


Alfa Romeo 4C: Per Diät zum Supersportler


Diesen Vorteil spielt der rote Alfa bei unserer Fahrt durch die Dolomiten gnadenlos aus. Schon auf dem Weg zur ersten Passhöhe zischt das Coupé wie ein Projektil los, der kleine Direkteinspritzer hinter den Sitzen reagiert temperamentvoll auf jeden Beschleunigungsbefehl. Beim Spurt nach oben wechselt das Doppelkupplungsgetriebe die Gänge in Millisekunden und kaum spürbar, beim Herunterschalten geht es ebenfalls ohne Zögern zur Sache.

Dazu liefert der kleine Vierzylinder eine Geräuschkulisse aus Brabbeln, Gurgeln und Bellen, die man ihm nie zugetraut hätte. Der 4C lenkt faszinierend direkt und schnell ein, folgt dem Kurs dabei präzise und zuverlässig. Heimtücke oder überraschende Ausbrüche sind diesem Alfa Romeo fremd. Verantwortlich dafür ist die Kombination aus Sportfahrwerk, servofreier Lenkung, Sperrdifferenzial, Mittelmotor und Heckantrieb – quasi das kleine und das große Einmaleins des sportlichen Fahrens.

Passgenaue Sitze mit strammem Seitenhalt und ein griffi ges, aber etwas zu dickes Lenkrad erleichtern dem Piloten die Arbeit. Digitale Informationen auf dem Multifunktionsdisplay, dazu ein übersichtlich eingerichtetes Cockpit ohne Schnickschnack verhindern unnötige Ablenkungen. Es gibt Lederschlaufen zum Türzuziehen, schlichte Lüftungsdüsen, und auf die Klimaanlage (18 kg Gewicht) darf man aufpreisfrei verzichten. Noch minimalistischer geht der Lotus zu Werke. Die Lotus Elise S mit Alu-Chassis ist zwar etwas schwerer als der 4C, übt aber noch entschiedener Verzicht.

Sichtbar wurde beim Interieur um jedes Gramm Gewicht gerungen: offene Ablagen, ein unverkleidetes, herausnehmbares Dachteil. Und wer die Außenspiegel einstellen möchte, muss noch nach alter Väter Sitte aus dem geöffneten Seitenfenster greifen. Das dünne, nicht einstellbare Lenkrad ist ebenfalls servorfreie Zone und erlaubt messerscharfes Einlenken. Informationen liefern zwei klassische Rundinstrumente und ein umschaltbares Display, das an einen Texas Instruments-Taschenrechner aus den 70er-Jahren erinnert. Auf der gebogenen Frontscheibe sorgt ein einsamer Wischerarm für Durchblick.

Dank Mittelmotorkonzept wuselt der Brite ebenfalls leichtfüßig um die Ecken, gefühlt  vielleicht sogar noch etwas williger als der Alfa. Der Grund: Die Lenkung des Lotus ist wahrscheinlich die mitteilsamste aller zur Zeit gebauten Autos, in jedem Fall die mitteilsamste der drei Kandidaten. Die manuelle Sechsgang-Schaltung arbeitet präzise und zuverlässig, im schmalen Fußraum können sich große Füße mit breiten Sohlen allerdings leicht verheddern und schnelle Gangwechsel unerfreulich verzögern. Dafür sitzt man in keinem der anderen Sportler so tief und unmittelbar auf dem Asphalt wie in der Elise S.

Dem Vierzylinder-Triebwerk aus dem Hause Toyota wird von einem Kompressor Leben eingehaucht. Das passiert deutlich spürbar aber erst oberhalb von 4000 Touren. Trotzdem beschleunigt der Lotus wie der Alfa in nur 4,5 Sekunden von null auf Tempo 100 (Werksangaben). Die Höchstgeschwindigkeit liegt aber mit 240 zu 258 km/h niedriger, was wegen des schlechteren Geradeauslaufs und des verwindungs-freudigeren Alu-Chassis auch in Ordnung ist. Bei unserer Bergprüfung bleibt der Lotus dicht am Alfa.

Letztendlich hat er aber aufgrund des trägeren Beschleunigungsverhaltens aus niedrigeren Drehzahlen keine Chance. Zudem ist sein Klangbild nicht so mitreißend wie das des 4C. Dafür kostet der Lotus gute 3000 Euro weniger als Alfa und Porsche. Der Cayman ist nicht nur das teuerste, sondern auch das kompletteste Auto in diesem Vergleich. Selbst die Ausstattung der Basisversion bietet gerade auf langen Strecken einen in diesem Vergleich unerreichten Komfort, was Sitze, Fahrwerk, Klima und Geräusche angeht.

 

PORSCHE CAYMAN: BESSERER REISEGEFÄHRTE

Besonders krass ist der Wechsel, wenn man vom ursprünglichen Lotus direkt in den Cayman mit Klimaautomatik, Soundsystem und Start-Stopp-Automatik umsteigt. Weil der Porsche zudem das deutliche größere Platzangebot für Passagiere und Gepäck bereithält, ist er das eindeutig beste Reise- und Alltagsauto des Vergleichs-Trios. Mit seinem Leergewicht von gut 1,3 Tonnen spielt er dafür aber auch in einer anderen Klasse als der Brite und erst recht als der Italiener. Natürlich ist auch der Cayman ein sportliches Auto: Sein Sechszylinder-Boxer liefert mit 275 PS am meisten Leistung, mit 290 Newtonmetern allerdings nicht so viel Drehmoment wie der turbobeatmete Alfa 4C.

Die elektrische Servolenkung arbeitet ebenfalls direkt und präzise, wirkt aber im Vergleich zu der von Elise und 4C weichgespült. Tempo 100 erreicht der Porsche laut Werk nach 5,6 Sekunden und benötigt damit deutlich länger als die Rivalen – auf unserer Bergstrecke mit ständigem Abbremsen und Beschleunigen macht sich dieser kleine Unterschied auf Dauer deutlich bemerkbar. Ein Cayman S mit 325-PS-Boxer könnte hier besser mithalten, käme aber auch 13.000 Euro teurer. Trotzdem ist der Porsche in der Summe seiner Eigenschaften und anders als der Lotus Elise S ein ernstzunehmender Konkurrent für den Bergkönig Alfa 4C.

Schließlich kann er fast alles besser. Und das wahre Leben spielt halt nicht nur auf italienischen Passstraßen, sondern zwischen Büro und Muckibude, Tiefgarage und Wochenendausflug.

TECHNIK
     

ALFA ROMEO 4C
LOTUS ELISE S PORSCHE CAYMAN
Motor 4-Zylinder, 4-Ventiler, Turbo, Direkteinspritzung 4-Zylinder, 4-Ventiler,
Kompressor
6-Zylinder-Boxer,
4-Ventiler, Direkteinspritzung
Hubraum 1742 cm3 1798 cm3 2706 cm3
Leistung 177 kW / 240 PS bei 6000/min 162 kW / 220 PS
bei 6800/min
202 kW / 275 PS bei 7400/min
Drehmoment 350 Nm bei 2100 – 4000/min 250 Nm bei 4600/min 290 Nm bei 4500 – 6500/min
 
Getriebe 6-Gang, Doppelkupplung 6-Gang, manuell 7-Gang, Doppelkupplung (Option, 2826 €)
Antrieb Hinterrad Hinterrad Hinterrad
L/B/H 3989/1864/1183 mm 3785/1850/1117 mm  4380/1801/1294 mm
Radstand 2380 mm 2300 mm 2475 mm
Leergewicht 895 kg 975 kg 1340 kg
Kofferraumvolumen 110 l 112 l v.: 150 l; h.: 162 – 275 l
MESSWERTE
     
0 - 100 km/h 4,5 s 4,5 s 5,6 s
Höchstgeschwindigkeit1 258 km/h 240 km/h 264 km/h
EU-Verbrauch1 6,8 l SP/100 km 7,5 l S/100 km 7,7 l SP/100 km
CO2-Ausstoß1 157 g/km 175 g/km 180 g/km
KOSTEN      
Grundpreis 50.500 Euro  47.610 Euro 51.385 Euro
1Werksangaben

Ben Pulman, Klaus Uckrow

Tags:

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