50 Jahre Peugeot 404 – Zeitreise im Oldtimer Alltagsklassiker von Pininfarina

14.10.2010

Vor einem halben Jahrhundert brachte Peugeot mit dem 404 eine wegweisende Limousine auf den Markt. Grund genug, zurückzublicken. Der Franzose im sachlich-eleganten Pininfarina-Anzug ist es wert

Es war eine Zeit des Mangels – Mittvierziger und ältere Menschen werden sich noch gut daran erinnern: Die kindliche Automobilsozialisation gestaltete sich in den 60ern und 70ern noch weitgehend frei von elektronischen Hilfsmitteln. PC-Spiele wie „Gran Turismo“ waren noch nicht erfunden. Autoquartett, Matchbox-Miniaturen und Fernsehfilme, in denen ab und an Autos auftauchten, mussten reichen. Der Wunsch nach Automobilzeitschriften wuchs frühestens parallel zum ersten pubertären Bartflaum. Der Peugeot 404 aber war eines der Autos, das – einmal gesehen – sofort in Erinnerung blieb. Er rollte streng dreinblickend durchs Bild, während um ihn herum etwa Louis de Funès oder Pierre Richard in diversen französischen Komödien ihre Späße trieben.

DIE OPTIK: STYLE AMERICAIN
Der 404 war ein Hingucker: Die aus den Kotflügeln wachsenden Frontscheinwerfer, die im Ruhezustand nach links gerichteten Scheibenwischer und die kleinen Heckflossen verkörperten italienisches Design mit amerikanischen Elementen – markante Merkmale für die Ablage im Langzeitgedächtnis. Für die zeitgenössische Trapez-Optik der im Mai 1960 eingeführten Limousine zeichnete niemand Geringerer als Pininfarina verantwortlich. Die klaren 404-Linien brachen mit der Form des etwas schwülstig wirkenden Vorgängers 403, der ebenfalls aus der Feder des italienischen Karosseriers stammte.

Mehr Auto-Themen: Der kostenlose Newsletter der AUTO ZEITUNG

Nicht nur das Design, auch die hohe Qualität überzeugte schnell. Immerhin waren zum Produktionsanlauf des Peugeots 1100 Mitarbeiter in der Qualitätskontrolle beschäftigt. Zahlreiche Rallye-Erfolge auf dem afrikanischen Kontinent stellten die unverwüstliche Qualität der Limousine aus Sochaux unter Beweis. Sechs Jahre hintereinander beendeten 404-Teams zum Beispiel die East African Safari auf dem Siegertreppchen und setzten damit der Limousine ein Denkmal, das sogar in der Alltagssprache Spuren hinterließ. In französisch geprägten, afrikanischen Staaten heißt noch heute „quatre cent quatre“ (zu deutsch: 404) soviel wie „in Ordnung“.

Der durchschlagende Erfolg des „französischen Mercedes“ führte dazu, dass schon 1964 der 404 satte 70 Prozent der Peugeot-Gesamtproduktion ausmachte, die mehr und mehr Produktionsstätten umfasste: Neben dem französischen Sochaux wurde der 404 auch in Argentinien und Kenia produziert und verkauft. 1967 schickte Peugeot 2500 US-Versionen der Franzosen-Flosse über den großen Teich. Von 1960 bis 1978 wurden fast 2,9 Millionen 404 als Kombi, Coupé, Cabrio und Pick-up gebaut. Danach lief die Lizenzfertigung in Afrika und Südamerika weiter. Bis zum endgültigen Ende 1991 dürften es über drei Millionen Fahrzeuge gewesen sein.

HOCHWERTIGES INTERIEUR

Platz nehmen in den typisch plüschigen französischen Polstern heißt nicht nur körperlich eintauchen in eine Automobilepoche, in der keineswegs alles besser, aber vieles beachtenswert war. Der Blick gleitet über das Armaturenbrett, welches geschmackvoll gestaltet und mit einem auch nach heutigen Gesichtspunkten gelungenen Materialmix aufwartet. Schalter und Hebel unseres Museumsstücks aus dem Jahre 1967 arbeiten auch nach nunmehr 43 Jahren mit spielfreiem „Klick“ und „Klack“. Wie zur Bestätigung für den Herrn oder die Dame am Volant, das Geld gut angelegt zu haben, prangt der metallene 404-Schriftzug selbstbewusst im Armaturenbrett.

Vielleicht sollte die Beschäftigung mit einem hochwertigen Fahrzeug dieser Zeit zur Pflicht für so manchen Spar- Apostel in der Automobilwirtschaft werden – Katharsis nicht ausgeschlossen. Der Motor unseres 404 misst 1,6 Liter Hubraum – 72 PS waren für die damalige Zeit recht ordentlich. Damit bewegt sich der Vierzylinder im Mittelfeld der Leistungsskala, die von einem 1,5-Liter-Aggregat mit 60 bis zu einem 1618 cm3 großen 88-PS-Motor mit mechanischer Kugelfischer-Einspritzung reichte. Die Diesel-Tradition pflegte Peugeot beim 404 mit Triebwerken von 50 (1,9-Liter) bis 64 PS (2,0-Liter).

RUHIGER 72-PS-BENZINER
Das Schema der Lenkrad-Schaltung ist gewöhnungsbedürftig: erster Gang nach unten, zweiter nach oben, der dritte Gang liegt hinten unten, der vierte wieder oben. Zwischen den Wechseln wirkt das Triebwerk eher elastisch als drehfreudig. So rollen wir entspannt durch die sanft geschwungene Hügellandschaft der Franche Comté unweit des Peugeot-Werks von Sochaux, der Wiege des 404. Lediglich beim Rangieren spürt man die fehlende Servolenkung in den Oberarmen. Ansonsten lässt sich der Franzose wunderbar leicht dirigieren. Die 142 km/h Höchstgeschwindigkeit wollen wir ihm aber nicht zumuten. Der Kraftstoffverbrauch des bleifreitauglichen Oldies liegt übrigens bei zeitgenössischen zehn Litern auf 100 Kilometern.

BEACHTLICHER KOMFORT
Der 404 hat keine Klimaanlage an Bord. Umso erfreulicher, dass sich der Innenraum dank der nahezu senkrecht stehenden Scheiben nicht unangenehm aufheizt. Zwischen gelegentlichen Schlaglöchern, der hinteren Starrachse und den Insassen vermittelt der Franzose überraschend gut. Auch afrikanischen Wellblechpisten soll er mit beachtenswertem Komfort begegnet sein. Wir können diese Behauptung zwar nicht überprüfen, glauben es aber gern.

Akustik-Verglasung, aerodynamische Kniffe und eine umfangreiche Dämmung zur Steigerung des Geräuschkomforts waren in den 60ern noch nicht en vogue. Bemerkenswert ist, wie gut der Franzose trotzdem Wind- und Abrollgeräusche reduziert: Bei Landstraßentempo wird er nie aufdringlich. Der 404 glänzt aber noch mit weiteren Qualitäten, die sich oft erst beim zweiten Hinsehen oder beim Fahren bemerkbar machen. Zurückhaltung war eben schon vor 50 Jahren modern. Auch diese Eigenschaft dürfte einen großen Teil seines Erfolges ausgemacht haben
Elmar Siepen

AUTO ZEITUNG

Tags:

Wirkaufendeinauto

So verkauft man Autos heute!

Copyright 2017 autozeitung.de. All rights reserved.