Test-Jubiläum: 40 Jahre Reifentest 40 Jahre Reifentest

13.10.2011

Reifen, das heißt Sicherheit und Mobilität. Seit 1970 testet die AUTO ZEITUNG das wichtigste Zubehörteil des Autos. Rückblick eines gemeinsamen Weges

Die AUTO ZEITUNG und der Reifentest – sie schreiben gemeinsame eine spannende Geschichte. 1969 erschien die Erstausgabe, doch nur ein Jahr später, im November 1970, wurde bereits der erste Reifentest der AUTO ZEITUNG – ein Winterreifentest auf dem Stilfser Joch – veröffentlicht. Er trug den Titel „Sohlen ohne Nägel“ und befasste sich mit einer neuen Generation Spike-loser Gürtelreifen in der damals üblichen Mittelklasse-Dimension 175 HR 14. Versuchsträger war ein Ford Capri 2300, Sieger mit dem Prädikat „sehr wintertauglich“ war ein Michelin zX.

Beherzte Fahrweise war in den frühen 70er-Jahren sehr populär, und so lässt sich ein aus heutiger Sicht politisch unkorrekter Kommentar des Testers Werner Müller besser einordnen: „Wer sein Auto ausschließlich im Drift bewegt, wird am Metzeler-Reifen viel Freude haben.“ Fahrer wie er mussten über exzellentes Fahrtalent verfügen: So durfte beim Bremsen etwa nicht die Blockiergrenze überschritten werden (ABS wurde erst 1978 erfunden), da dies sofort zur Zerstörung der Lauffläche führte. Folge: Test vorerst beendet, Reifen wechseln.

Im April 1973 erreichten die besten Sommergummis übrigens Bremswerte, die heutzutage wohl zum Entzug der Verkehrszulassung führen würden: 51,2 Meter brauchte der Klassenbeste, der Uniroyal Rallye 180, die neun Konkurrenten kamen teils erst nach knapp 58 Metern zum Stehen. Zum Vergleich: Während heute z.B. bei einem Opel Insignia bremsstarke Reifen, ESP und ABS-Bremse eine sehr wirksame Stopp-Einheit bilden und der Opel absolut spurstabil nach rund 36 Metern zum Stehen kommt, rauscht der Opel Ascona A von damals mit über 50 km/h am Urenkel vorbei. Ein gewaltiger Unterschied.

Früher Top – heute Flop
In diesem ersten Testjahr 1970 waren Pkw-Reifen zwar schon sehr weit entwickelt, doch im Vergleich zu dem, was wir heute wie selbstverständlich von den schwarzen Runden gewohnt sind, meilenweit entfernt. Aus heutiger Sicht waren jene Reifen viel zu laut, zu schwammig, hatten zu wenig Grip, versagten schnell auf Nässe oder beim Bremsen, auf Schnee oder gar Eis. Auch bestanden sie den obligatorischen Schnelllauftest nicht immer ohne Mühen.

Die AUTO ZEITUNG nahm regelmäßig Wintergummis unter die Testräder, Sommerreifentests fanden kaum statt. Grund: Winterreifen waren damals wie heute Nachkaufreifen, es herrschte große Unklarheit unter den Autofahrern, welcher Pneu ihr Fahrzeug sicher durch die frostige Jahreszeit bringen sollte. Bei Sommerreifen war das viel einfacher: Sie waren ab Werk auf dem Auto montiert und vorher vom Fahrzeughersteller auf Herz und Nieren geprüft. Man kaufte also nicht die „Katze im Sack“. Erst ab Mitte der 90er testete die AUTO ZEITUNG regelmäßig auch Sommerreifen, da deren Einfluss auf Fahreigenschaften und Komfort des Autos immer dominanter wurde.

1982 setzte Michelin erstmals ein unscheinbares Pulver, gewonnen aus dem Salz der Kieselsäure, unter dem Handelsnamen Silica ein. Es ersetzte immer mehr den Industrieruß, den wichtigsten Füllstoff des Reifens, der ihm neben der schwarzen Farbe vor allem seine Versschleißfähigkeit ermöglicht. Mit Silica gewann dann ab Anfang der 90er-Jahre die aktive Sicherheit der Reifen und damit der Autos sehr deutlich, denn vor allem der Nässe- und auch der Schneegriff legten sehr deutlich zu, weil die Chemiker inzwischen die Vernetzung des Wunderpulvers in der Gummimischung beherrschten. So betrug der Nass-Bremsweg 1977 auf einem winterbereiften BMW 520i je nach Reifenmarke zwischen 53 und 64 Meter bei einer Bremsausgangsgeschwindigkeit von 70 km/h; 1996 stand ein ABS-gebremster Audi A4 auf Winterpneus bereits nach 35 bis 37 Metern – aus Tempo 80.

Rollwiderstand seit 1971
Bemerkenswert: Dank Silica verbesserte sich neben den Haftungseigenschaften auch der Rollwiderstand – eine im Doppelpack bisher unmöglich geglaubte Herkulesaufgabe. Und lange bevor in den 90ern und jetzt aufgrund der Klimadebatte der Rollwiderstand der Reifen so richtig publik wurde, untersuchte die AUTO ZEITUNG schon 1971 diese für Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß wichtige Größe. Denn was kaum einer weiß: Der Rollwiderstand macht bis Tempo 100 rund ein Fünftel der Fahrwiderstände aus. Das heißt: Jede fünfte Tankfüllung geht aufs Konto der Reifen. Rollwiderstandsoptimierte Reifen können den Spritverbrauch um bis zu drei Prozent senken.

Seit Anfang dieses Jahrzehnts testet die AUTO ZEITUNG neben SUV- und Sport- auch Runflat-Reifen. Die vor gut einem Jahrzehnt in erster Linie von Bridgestone und Goodyear entwickelten Notlaufpneus wurden von den Autoherstellern zunächst begeistert aufgenommen. Anfängliche Handling- und Komfortprobleme wurden von der AUTO ZEITUNG bemängelt, sind seit der dritten Generation aber spürbar verbessert.

Ein Blick in die Statistik klärt auf, dass einige Reifenmarken immer wieder vordere Plätze erzielten. Dunlop gewann im Laufe der Jahre die meisten Tests – zum einen, weil die Pneus winters wie sommers durchweg sehr gute Noten erzielten, zum anderen, weil wie bei den ebenfalls überdurchschnittlich erfolgreichen Nächstplatzierten, Pirelli und Conti, dank einer breiten Modellvielfalt eine Teilnahme jederzeit möglich war. Ganz knapp an das Spitzen-Trio schließt der Reifenriese Goodyear an, der immer wieder vor allem mit hervorragenden Winterreifen überzeugen konnte. Bridgestone, Michelin und Uniroyal strichen seltener den begehrten Siegtitel ein, überraschten aber nicht selten mit teils sehr gut bestandenen Einzeldisziplinen.
Dirk Vincken

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