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24h-Rennen 2010: Der Nissan Nismo 370Z

Hochspannung

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Jetzt wird es ernst: Der Nissan 370Z ist am Nürburgring angekommen. Die ersten Tests sind gut gelaufen, wir stellen Auto und Fahrer vor

Der Mann hat Erfahrung, große Erfahrung. Aktuell bewegt er einen Nissan GT-R in der FIA GT1-Weltmeisterschaft und wuchtete das 500-PS-Geschoss beim zweiten Lauf im englischen Silverstone auf den dritten Trainingsplatz. Sein Name: Michael Krumm, Beruf Rennfahrer, 40 Jahre alt. Der Wahl-Japaner – er spricht fließend japanisch – verstärkt 2010 das Stamm-Fahrertrio auf dem AUTO ZEITUNG-Nissan 370Z. Das gemeinsame Projekt mit Nissan geht ins vierte Jahr, und dieses Mal steht eine Nismo-Version des Sportcoupés am Start. Was die quattro GmbH für Audi oder AMG für Mercedes darstellt, ist Nismo für Nissan. Die in der Serie schon 355 PS starke Variante des Werkstuners bietet eine ausgezeichnete Basis für ein schnelles Rennfahrzeug.

Erfolgreiche Bindung
Michael Krumm und Nismo – diese Verbindung ist über zehn Jahre alt. Krumm wanderte dem Motorsport zuliebe  schon 1994 nach Japan aus. Zuvor hatte er in der Formel Ford, der Opel Lotus und der Formel 3 Erfolge in Europa gefeiert. Als Toyota-Werksfahrer wurde er zusammen mit Pedro de la Rosa 1997 japanischer GT-Meister. Nach seiner Zeit bei Toyota wechselte er zu Nissan, fuhr 1998 im Rosberg-Team in der deutschen Super-Tourenwagenmeisterschaft einen Primera und im gleichen Jahr erstmals die 24 Stunden von Le Mans (5. Platz). 2003 gewann Krumm seinen zweiten GT-Fahrertitel in Japan, Nismo siegte in der Teamwertung. Zuletzt entwickelte er 2008 zusammen mit Darren Turner den Nissan GT-R für die GT1-WM.

Vor der Nürburgring-Nordschleife hat er trotz der großen Erfahrung – oder gerade deshalb – viel Respekt: „Ich bin hier vor fast 20 Jahren das letzte Mal gefahren. Ich habe viel auf der Playstation trainiert und bin im Serien-370Z ein paar Runden gefahren. Das ist eine große Herausforderung.“

Zum dritten Lauf der Deutschen Langstrecken-Meisterschaft, auch VLN genannt, steht ein nach dem europäischen GT4-Reglement neu aufgebauter Nismo 370Z bereit. Dieses Reglement erlaubt unter anderem nur serienmäßige Aerodynamikbauteile. Der kleine Serien-Heckflügel muss daher ausreichen. Das englische Einsatzteam RJN Motorsport errang mit dem Vorgänger Nissan 350Z zwei Vizetitel in diesem Europacup sowie 2009 auch den Sieg in der Teamwertung. Chef Bob Neville ist dementsprechend zuversichtlich. Doch die Tücken der Nordschleife sind speziell und mit denen „normaler“ Rennstrecken kaum zu vergleichen.

Schon beim Proberitt auf der GP-Strecke fällt die Kraft des 3,7-Liter-V6 positiv auf. Rund 400 PS steigern in Kombination mit dem geringeren Abtrieb zudem das Spitzentempo gegenüber dem Vorjahr. Beim folgenden Test auf der Nordschleife läuft der Nissan allerdings im sechsten Gang auf der langen Döttinger Höhe in den Drehzahlbegrenzer – für das 24h-Rennen muss also eine längere Hinterachsübersetzung her.

>> Alle Infos zum 24-Stunden-Rennen 2010

Der geringe aerodynamische Abtrieb hat noch einen weiteren gravierenden Nachteil: Mit der Fahrwerksabstimmung aus 2009 ausgestattet, wird der 370Z zum Kurzstrecken-Flieger. Jede Kuppe nutzt er zum Abheben, Krumm ist sichtlich geschockt: „Ich habe mich auf vielen Abschnitten nicht getraut, Vollgas zu geben.“ Auch Pilot Alex Buncombe, ansonsten unerschrocken schnell unterwegs, ringt um Worte. Im Selbstversuch des Autors bestätigt sich der Eindruck der Routiniers – ein Genuss für die Fotografen, ein Balanceakt hinter dem Steuer. Einzig die hohe Grundgeschwindigkeit des GT4-Autos entschädigt, und auch das neue Renn-ABS von Bosch mit einstellbarer Traktionskontrolle ist ein Gewinn. Den Grenzbereich der ebenfalls neuen Michelin-Slicks auszuloten, ist unter diesen Umständen allerdings kaum möglich.

Zwischen Training und Start des 4h-VLN-Rennens ist nur eine geringe Dämpfermodifikation möglich. Krumm steigt als erster ein und balgt sich schon in der ersten Runde um Rang vier in der GT4-Wertung mit einer Corvette C6. Gut 20 Sekunden schneller als im Training bewegt er den Nissan um den Kurs. Sein kurzer Report bei der Übergabe des Nismo 370Z an den AUTO ZEITUNG-Redakteur: „Das Auto liegt wesentlich besser, der Weisheit letzter Schluss ist es aber noch nicht. Sei vorsichtig!“ Doch alle Vorsicht nützt nichts, wenn der Öldruck am Ausgang der Boxengasse ungesund tief absinkt und einen Ausfall provoziert.

Zwei wichtige Entscheidungen haben der Testeinsatz am Ring und eine Besprechung mit dem vierten Piloten, Kurt Thiim, zur Folge. Erstens: Zur Steigerung der Fahrstabilität wird der 370Z nicht als GT4 beim 24h-Rennen eingesetzt, sondern mit dem großen Flügelwerk von 2009 ausgestattet, in der Klasse SP7 genannt. Manko: Hier muss sich die Mannschaft mit einer Meute Porsche 911 GT3 auseinandersetzen. Aber der knapp 1300 Kilo leichte Japaner ist sparsamer als die Elfer und kann mehr Runden pro Tankinhalt absolvieren. Entscheidung zwei: Die Ölpumpe für die Trockensumpfschmierung wird verstärkt, die Anlenkung umkonstruiert. Motor samt seriennahem Ansaugtrakt und Sechsgang-H-Schaltgetriebe bleiben erhalten.

Für Michael Krumm steht schon jetzt fest: „Das ist eine komplett andere Welt.“ Das 24h-Rennen wird ihn fesseln – wie auch die 200.000 Zuschauer an der 25,4 km langen Strecke.
Holger Eckhardt